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Der Kammersänger. Drei Scenen
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(1899)
"Wedekind siegte. Er bringt einen neuen Humor,
lebenskennerisch, seltsam und tief. Er malt die Welt in leiser
absonderlicher Verzerrung; doch ihr echtes Wesen strahlt heraus. Er verrückt
unmerkbar die Linien; aber die Gestalten sind real. Und wenn sie
durcheinanderschießen; wenn sie eine ulkige Beleuchtung in tragischen
Verhältnissen zeigen: dann wird das Spiel dieses dunkeln, komischen und
erbarmungslosen Lebens als ein Spiel bewußt. [...]
Die Grundstimmung seines Humors ist: grotesker
Ernst. Aus dem Ernst heraus beginnt ein Lachen, das immer stärker wird:
bis man bloß noch zuckt. Mit Ernst behandelt er dramatisch die
verwunderlichsten Situationen. Man stirbt; in Lachkrämpfen. Er läßt
das Fürchterlichste ruhig geschehen und bleibt ruhig, während wir
sterben. Die Tragik des Lebens erscheint wie in einem Bänkelsang. Aber
es ist doch Tragik. Man hat vor diesem sonderbaren Mann das Gefühl: er
steht außerhalb der menschlichen Gesellschaft. Das ist das Revolutionäre
an Wedekind.
[...] Unter den humorhaften Dichtern in Deutschland
ist Wedekind heut der Erste."
(Alfred Kerr: Theater. Frank Wedekind: "Der
Kammersänger" [...]. Secessionsbühne, Neues Theater, 10. Dezember
[1899]. Die Nation 17, 1899/1900, S. 155f.)
Zur Uraufführung durch die Sezessionsbühne am
Neuen Theater, Berlin, 10.12.1899. Regie: Martin Zickel.
"Offenbar sagt uns Wedekind als Darsteller
seines 'Kammersängers' ganz etwas anderes, sehr viel Ernsteres,
Wichtiges, Tieferes, als was die Schauspieler in seiner Komödie zu
lesen vermochten. Diese nahm am Montag ein ganz anderes strenges Gesicht
an. Wenn den Schauspielern die Komödie zu einer Posse und zu einer amüsanten
fröhlichen Theaterunterhaltung wird, so holt der Dichter eine Tragödie
der Menschheit heraus. Man muß das Wort Tragödie nicht nur ästhetisch
fassen. Nicht wie ein Dichter, nicht wie ein Schauspieler steht Frank
Wedekind auf der Bühne, sondern wie ein Kathedermensch; er spielt den
'Kammersänger' nicht, sondern er spricht, er doziert ihn, er selber
deckt das im letzten Grunde unkünstlerisch-unsinnliche,
abstrakt-logische, rein vernünftige und lehrhafte Wesen seiner Kunst zu
voller Klarheit auf. Jene Natur der Satire, die Moral und Didaxis ist
und unter deren zersetzendem Verstand gerade das Künstlerische erstickt
und abstirbt, lebt als das Mächtigste in ihm. Weniger ein lachender als
ein hassender Philosoph stand auf der Bühne.[...]
Als Meisterwerk einer großen, wilden Juvenalischen
Satire, einer Satire ohne Lächeln und Witz habe ich erst am Montag die
Wedekindsche Komödie durch das Spiel des Dichters selbst schätzen
gelernt."
(Julius Hart: Frank Wedekind im Kleinen Theater. -
Der Tag (Berlin), 12.6.1907)
>Zur Inszenierung am Kleinen Theater, Berlin,
10.6.1907. Leitung: Victor Barnowsky.
Die erste "Aufführung des 'Kammersängers' im
Königl. Schauspielhause zu Dresden ist [...] mit spontanem, außergewöhnlich
herzlichem und oft wiederholtem Beifall quittiert worden. Noch
erfreulicher als dies laute äußere Zeichen ist: Wedekinds Ethik wurde
verstanden und nach Gebühr gewürdigt. Die komischen Elemente der
Tragikomödie übten ihren Reiz aus, ohne daß von dem tiefen Ernst des
Dramas das Kleinste verloren ging. [...] Das war etwas andres, als ein billiges Pasquill auf
den bornierten Egoismus der kleinen Gattung Heldentenöre. Der K.K.
Kammersänger Gerardo ist ja auch so viel mehr. Eine der prachtvollen,
ungezähmten europäischen Kulturbestien des Tierbändigers, die er uns
im Prolog zum 'Erdgeist' einst aufzählte. [...]
Die Tragikomödie von dem freiwilligen Galeerensklaven des Kontraktes
[...] ist hier völlig zu ihrem Recht gekommen. [...]
Ich glaube nicht, daß der Kammersänger je eine so starke und treue
Wiedergabe gefunden hat." (Julius Ferdinand Wollf: Der Kammersänger (1913).
In: Ders., Theater. Aus zehn Dresdner Schauspieljahren. Berlin o.J., S.
204ff.)
Zur Inszenierung am Königlichen Schauspielhaus
Dresden, 30.5.1913. Leitung: Graf Seebach.
Der Erdgeist. Eine Tragödie
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(1895)
Lulu. Dramatische Dichtung in zwei Teilen
Erster Teil: Erdgeist. Tragödie in vier Aufzügen
(1903)
"Die Heldin Lulu ist ein weibliches Wesen, dem
gegenüber die Cameliendame eine fromme Betschwester ist. Leonie
Taliansky hat diesmal den Vogel abgeschossen, sie war so verführerisch,
wie es der Autor nur wünschen konnte, der sie mit allen möglichen
bestechenden Toiletten erscheinen läßt. Den Ton einer grenzenlosen
Frivolität, die mit Allem ihr Spiel treibt und welcher erst der Athem
ausgeht, als sie die Justiz beim Kragen packt, traf sie aufs Beste; auch
die Eitelkeit, die mit ihrer nichtsachtenden Blasirtheit Hand in Hand
geht, stellte sie glaubwürdig dar. Die beiden großen Scenen mit Dr.
Schön, die erste, in welcher sie ihn zum Verzicht auf seine Braut
zwingt, und die leidenschaftliche Scene im letzten Act, spielte sie
nicht ohne dramatische Kraft, und fast immer blieb sie die sonnig lächelnde
Buhlerin. Herr Kammerer (Frank Wedekind) als Dr. Schön suchte
als Darsteller das möglichst zu ergänzen, was er als Dichter
ausreichend zu motiviren versäumt hat: die psychologischen Vorgänge
bei den nicht ganz erklärten Experimenten Schön's mit seiner Lulu. Die
beiden Hauptrollen ernteten den lebhaftesten Beifall [...]." (Rudolf von Gottschall: Literarische Gesellschaft.
Leipziger Tageblatt, 27.2.1898) Zur Uraufführung durch das Ibsen-Theater im
Krystallpalast, Leipzig, 25.2.1898. Regie: Carl Heine.
"Messerscharf gleitet das Stück, das nur auf
einer so intimen Bühne wie der des 'Kleinen Theaters' und vor einem
verständnisvollen Publikum litterarischer Gourmets möglich ist, an der
Gefahr der unfreiwilligen Komik, des Verhöhnt- und Ausgepfiffenwerdens
vorüber. Es ist in erster Linie dem grandiosen Spiel Gertrud
Eysoldts zu danken, daß die Zuhörerschaft [...] geradezu
leidenschaftlichen Beifall spendete. Frau Eysoldt hat ihrer Salome ein würdiges
Gegenstück zugesellt. Sie war, in hundert Farben schillernd, ganz die
faszinierende Verkörperung der Mignon, Lulu und Eva, das ungezogene
Kind, die launische Despotin, die perverse Buhlerin und die lockende
Tanzmänade in einer Person. Emanuel Reicher als Dr. Schön hatte
einzelne große Momente und wußte den gefährlichen Schluß vor jedem
Umschlagen aus dem Tragikomischen ins Burlesk-Komische geschickt zu
bewahren." (Heinrich Stümcke: Von den Berliner Theatern
1902/03. Bühne und Welt 5, 1902/03, S. 300)
Zur Inszenierung am Kleinen Theater, Berlin,
17.12.1902. Regie: Richard Vallentin.
"Diesen namenlosen, wesenlosen, englischen
Satan gibt die Eysoldt mit einer Energie der Darstellung, die bisweilen
fast schmerzlich wirkt, so fast körperlich und stechend nahe spüren
wir sie an uns herandringen. Eine extreme Geistigkeit, die jeden kaum
aufzuckenden halben Gedanken noch zu erhaschen weiß, verbindet sich mit
einer Vitalität, vor der wir erschrecken, indem wir doch ihrem bösen
sinnlichen Zauber erliegen. Eine Stimme von einer wilden und tückisch
schleichenden Zärtlichkeit, eine Verwegenheit der bald kindischen, bald
äffischen, immer ruchlosen Gebärden, die immer wieder an Beardsley
erinnern, und eine Beredsamkeit des Körpers, die wir an keiner anderen
deutschen Schauspielerin kennen, eine Beredsamkeit für das rein
Cerebrale und bis zum tief Bestialischen ergeben eine Wirkung, für die
wirklich kein Wort der Bewunderung zu stark ist." (Hermann Bahr: Der Erdgeist. (Gastspiel
"Kleines Theater", 22.6.1903). In: Ders., Glossen zum Wiener
Theater (1903-1906). Berlin 1907, S. 261f.)
Zum Gastspiel des Kleinen Theaters Berlin am
Deutschen Volkstheater, Wien, 22.6.1903. Regie: Richard Vallentin.
"[...] Frau Wedekind ist keine Eysoldt;
sie ist für die glitzernde Bestie Lulu zu normal, zu bürgerlich, zu
weich. Sie lächelt, wo sie lauern sollte, und niemals wagen sich die
Krallen aus den Samtpfötchen dieses allzu feinen und süßen Hauskätzchens
hervor. In Ihren Augen zwar sprüht manchmal ein gefährlich scheinender
Funke; aber er zündet nicht, sengt nicht einmal - ein richtiger
Theaterfunke! [...] Der Dr. Schön des Herrn Wedekind hat vor
jenem Reichers vielleicht sogar etwas voraus: die größte Schlichtheit
und Natürlichkeit nämlich. Reicher spielte eine 'Bomben'rolle mit
raffiniertester Ausnützung aller erdenklichen Trics. Wedekind gibt
einen Menschen (von seinem Blute natürlich) und nur eben mit
soviel schauspielerischen Zutaten, als nötig ist, um ihn im Bühnenlicht
lebendig erscheinen zu lassen." (Richard Braungart: Schauspielhaus. Münchener
Zeitung, 16.7.1906) Zur Inszenierung am Schauspielhaus, München,
14.7.1906. Leitung: Georg Stollberg.
"[...] die Lulu von Frau Tilly Wedekind wurde
zur reinsten, tiefsten, innerlichsten Offenbarung, die weiter auch noch
als Gertrud Eysoldts Darstellung des Erdgeistes führte. [...] Die Lulu
Tilly Wedekinds führte gerade an den Punkt hin, in das Allerheiligste
des Wedekindschen Erdgeist-Empfindens, wo die ganz und gar seelenlose
Lulu und das ganz und gar seelische Käthchen als das + und - vor uns
stehen, als die Gegenpole derselben Natur, die ganz unmittelbar
ineinander überschlagen können. In der ergreifenden Einfachheit, die
alles Schauspielerisch-Theatralische ausgetilgt hatte, in der köstlich-intuitiven
Naivität, mit der die Darstellerin die völlig noch unbewußte
Lulu-Natur verkörperte, das erkenntnislose Wesen vor und jenseits von
Gut und Böse, mehr noch des Adams erstes Weib, die Lilith, als die Eva
- kam das tiefste tragische Empfinden und Gefühl des Werkes ganz rein
und makellos zum Ausdruck. Die Kunst war in der Gestalt Tilly Wedekinds
allerinnerlichstes Erlebnis nur. Als seelenlose, bewußtlose
Nachtwandlerin ging sie vorüber, und wie eine Vision nur lag auch das
Gefühl über ihr: Du hättest mich lieben sollen. Die ganze Aufführung
überhaupt eine Meisterleistung." (Julius Hart: Wedekind-Spiele im Deutschen Theater.
Der Tag (Berlin), 12.6.1912)
Zur Inszenierung am Deutschen Theater, Berlin,
10.6.1912. Leitung: Frank Wedekind.
"Frau Eysoldts Lulu ist ein Produkt
vollendeter Kunstfertigkeit. Man sah eine schauspielerische Aufgabe und
sah deren tadellose, interessante, sauberste Erledigung. Eine Meisterin
aller kleinen und großen Techniken, Listen und Subtilitäten der
Verstellungskunst spielte uns die Lulu vor. Ja, gewiß, so ist sie zu
spielen und nicht anders. Jedes Detail funkelte von Berechtigung, da zu
sein; jede Bewegung, jedes Lächeln, jeder Blick 'saß' wie tausend Mal
anprobiert; jeder Tonfall trug nuance-getreu die Farbe des dramatischen
Augenblicks. Leider hatte all diese Vollkommenheit einen trockenen, kühlen
Zug, der recht konservierend auf den Gleichmut der Zuhörer wirkte.
Diese Trockenheit, diese Kühle stammten aus dem großen Wissen um die
Dinge, das die Kunst der Frau Eysoldt adelt; und überall am Platze sein
mag, nur nicht in der Darstellung des Unbewußten. [...] In Frau
Eysoldts Darstellung sah man die Funktionen, die amoralischen,
kindlichen, verantwortungslosen Funktionen der Lulu meisterlich
nachgeahmt. Die Lulu selbst sah man keinen Augenblick. Man sah eine
hungrige Menschenfresserin, der man weder den Appetit glaubte, noch daß
Menschenfleisch die ihr organische Nahrung sei. Man sah klarste Gehirntätigkeit
als Instinkt verkleidet. Man sah ein Elementarereignis, das in einem
technischen Laboratorium zubereitet schien. Man sah eine durch und durch
raffinierte Ahnungslosigkeit. Aber es war auch so sehr schön." (Alfed Polgar: Die Eysoldt in Wien. Die Schaubühne
9, 1913, Bd. 1, S. 174) Zur Inszenierung an der Neuen Bühne, Wien,
23.1.1913. Regie: Emil Geyer.
"Nun hat's die Orska übertroffen [...], denn
sie ist eine ungleich gewandtere Schauspielerin als die Frau Wedekind,
und wir werden in Zukunft sie als Lulu denken müssen... Nicht nur der
Maske wegen [...]; sie gab auch mehr im Spiel, ließ unter der äußeren
Kälte heißere Gluten ahnen, war tierhafter und eindeutiger in ihren Lüsten
und Begierden, schamloser in jeder Bewegung und dann doch wieder von
einer kindlichen Unschuld, die die reifere Erscheinung Tilly Wedekinds
nie vorzutäuschen vermochte. Vielleicht ging dieses Zurschaustellen des
Körpers zu weit, kokettierte sie mit ihrem Nichtwissen um das, was gut
und böse ist, zu sehr, als daß wir der durch soviel Hände Gegangenen
die seelische Unberührtheit (dies nicht im alltäglichen Sinne) hätten
glauben können. Aber ihr gelang doch, was der Frau Wedekinds, dieser
ihrem Manne seelisch so völlig hingegegebenen Frau, trotz all ihrer
beinahe an Prostitution grenzenden Hingabe an das Werk als solches nie
gelungen ist: die Lulu über das Persönliche hinwegzuheben und zu einem
Begriff werden zu lassen, dem strindberg-wedekindschen Begriff des schönen
Weibtiers [...]. Rudolf Bernauer hatte für eine szenische
Einrichtung gesorgt, wie sie so von Luxus aller Art überschüttet für
Wedekind wohl noch nie aufgebaut worden ist. Auch darin war die Aufführung
wertvoll und neu." (Ludwig Sternaux: Theater in der Königgrätzer
Straße. "Erdgeist". Tägliche Rundschau (Berlin), 5.11.1916) Zur Inszenierung am Theater in der Königgrätzerstraße,
Berlin, 4.11.1916. Regie: Rudolf Bernauer.
"Sie grätscht die Beine. Sie räkelt sich auf
den verschiedenen Sofas ihrer Karriere [...], auch wenn sie allein ist,
vor den Männern im Publikum dergestalt, daß - daß der Wunsch
entsteht, die Theaterzensur nicht auf den Text der Stücke beschränkt
zu sehen. [...] Aus der Ahnungslosigkeit eines triebhaften Kindes, das
schneeweiß durch sämtliche Laster schreitet, wird die freche
Schamlosigkeit einer Routiniere der Liebe. Die Herrenwelt in den Logen
trieft. Die Damenwelt ist teils Neid, teils Bewunderung, teils
Nachahmungsneugier, teils Eifersucht, also unbedingt in angenehmster
Erregung. Und Keiner und Keine kümmert sich drum, daß durch solche
Schauspielkunst nicht der Erdgeist, wohl aber der Begriff Talmi
inkarniert wird. Die Zugkraft arbeitet unaufhörlich. Der kleinste Satz
hat für sie drei Höhepunkte; in manchem wird jedes Wort hochgepufft.
[...] Die Zorn-, Krampf- und Verzweiflungstechnik funktioniert wie ein
Mechanismus, und umso geschmierter, als diese Utensilien der
Leidenschaft mit Wedekinds Lulu gar nichts zu tun haben. Und die
Fingerchen krallen sich, weil wir ja doch ein Raubtier sind, und die
Rampe ist dazu da, daß man an ihr entlangfegt. Und ich bin am Rand
meines Atems und meiner Verpflichtung, hier zu sagen, wer Dame Orska
ist. Wer ist sie? Die Schauspielerin für die Kriegslieferanten." (Siegfried Jacobsohn: Der Fall Orska. Das Jahr der
Bühne, Bd. 6, 1916/17, S. 122f.) >Zur Inszenierung am Theater in der Königgrätzerstraße,
Berlin, 4.11.1916. Regie: Rudolf Bernauer.
Marquis von Keith (Münchener Scenen). Schauspiel in fünf Aufzügen (zurück
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(1901)
Der Marquis von Keith. Schauspiel in fünf Aufzügen
(1907)
"Frank Wedekind ist in Berlin durchgefallen.
Die Premierenrotte, die gestern und vorgestern den elendsten
Theaterhandwerkern dankerfüllt zugejauchzt hat, hat ihn ausgelacht,
weil sie ihn buchstäblich nahm, weil sie für Unvermögen, für
unfreiwillige Komik hielt, was feinstes Raffinement und hohnvoller
Zynismus ist. Sie haben wirklich den Maßstab toter Schablone und dürrer
Vernünftelei an ein Werk gelegt, das dem Haß gegen die unveränderte,
niemals wechselnde Einförmigkeit der dramatischen Formen seine künstlerische
Gestalt dankt und dem zersetzenden Geist eines Menschen entstammt, dem
es innerstes Bedürfnis ist, mit grinsendem Humor das Weltspießertum zu
verspotten. Die stets nur sich, ihre eigne ärmliche Existenz lebenswahr
[...] auf den Brettern sehen wollen, [...] stehen fassungslos und
schnell zu rohem Spott geneigt vor dem neuen Bemühen eines Dichters,
dramatische Karikaturen zu schaffen, Figuren, deren Umrisse durch Übertreibung
und Unterstreichung der wesentlichen Züge verzerrt sind, deren
Gesamteindruck der der Fratzenhaftigkeit sein soll. [...] Im
Residenz-Theater aber sahen wir nur die plumpen Spektakelkünste einer
Provinzregie, und, in der Hauptsache, die Stümpereien ahnungsloser
Mimen, die zum Teil das Memorieren überflüssig gefunden hatten - und
Frank Wedekind mußte es büßen." (Siegfried Jacobsohn: Frank Wedekind. Der Marquis
von Keith. Welt am Montag (Berlin), 14.10.1901. - Zit.n.: Ders., Jahre
der Bühne. Theaterkritische Schriften. Hrsg. v. Walther Karsch unter
Mitarb. v. Gerhart Göhler. Hamburg 1965, S. 11f.) Zur Uraufführung am Residenztheater, Berlin,
11.10.1901. Regie: Martin Zickel.
"Wedekinds verrufener 'Marquis von Keith'
[...], der in München und in Berlin mit solcher Wut verhöhnt worden
ist, hat gestern hier einen starken, unbestrittenen, von Akt zu Akt
immer heftigeren, zuletzt brausenden und tosenden Erfolg gehabt. [...]
Hier hat er es übrigens Jarno zu verdanken, dem Regisseur und dem
Schauspieler. Ich denke mir allerdings den Marquis eigentlich heller,
geschmeidiger, leichter, gläubiger an seinen Stern, unschuldiger in
seiner Laune [...]. (Hermann Bahr: Marquis von Keith (Schauspiel in fünf
Aufzügen von Frank Wedekind. Zur Aufführung am 29. April 1903 im
Theater in der Josefstadt.). Zit.n.: Ders., Glossen. Zum Wiener Theater
(1903-1906). Berlin 1907, S. 396) Zur Inszenierung am Theater in der Josefstadt,
Wien, 29.4.1903. Regie: Josef Jarno.
"Während man sein Lebenswerk feiert [...]
will ich nur von e i n e r Szene sprechen [...], wie ich sie vor Jahren einmal - nur
einmal - auf dem Theater sah.
[...] während Scholz seinem Jugendfreunde noch mit sanfter, toter
Stimme zuredete, hatte sich eine ganz seltsame und extravagante Veränderung
der äußeren Situation vollzogen. Der Marquis stand nicht mehr auf dem
Fußboden. Er war mit seiner dicken Sohle rechts vorn auf den
Schreibtisch geklettert, - oben auf der Platte stand er und hielt sich
am Fensterkreuze fest!
Was sollte nun das? Nie hatte ich etwas Sonderbareres auf dem Theater
gesehen! Es war ein Einfall des Regisseurs Wedekind; in seinem
grund-wunderlichen Kopf hatte er es sich so ausgedacht. Schien ihm der
Schreibtisch nicht fest genug, um sich daran festzuhalten? Mußte er
hinauf, um sich oben ans Fensterkreuz zu klammern? Und gar so fest mußte
er sich also halten?!
'Geh! Geh!' stöhnte er. Und: >'Komm, Komm!' erwiderte der Andere an der offenen Tür
und winkte langsam-still mit dem ganzen Arm, - winkte gespenstisch und
lockend in den Frieden, dorthin, wo man nur noch 'spazieren fährt und
Billard spielt' ... [...] Aber er hält sich fest, [...] er klammert
sich fest dort oben an sein Fensterkreuz, er schreit endlich verzweifelt
nach seinem Laufjungen, und der Versucher verschwindet.
- Nochmals, es ist eine ungeheuerliche Szene. In einem nichtssagenden
modernen Zimmer wechseln zwei Männer in bürgerlicher Kleidung kurze
und glasklare Repliken. Aber dahinter spukt ein Mysterium. Es ist das
Mysterium der Abdankung." (Thomas Mann: [ohne Titel]. In: Das Wedekindbuch.
Hrsg. u. mit einer Monographie von Joachim Friedenthal. München/Leipzig
1914, S. 215ff.) Thomas Mann beschreibt die Münchner Inszenierung
im Rahmen des Wedekind-Zyklus 1911, bei der Wedekind Regie führte.
"Herr Jeßner
hat das Wesen des Stücks klar erkannt und seine Inszenierung
ganz danach eingerichtet. Der szenische Rahmen, in dem er es spielt, ist
ganz einfach. Keine Zimmerdekorationen, sondern zwei jedesmal auf
einheitliche Farbe, Gelb oder Rot, gestimmte Räume, in denen nur die
wirklich in der Handlung gebrauchten Möbel und Gegenstände sich
finden. Das Schwergewicht [ist] auf den Dialog gelegt, auf die leichte
Beschwingtheit von Rede und Gegenrede, die wie Federbälle hin und her
fliegen. Das Tempo ist so schnell genommen, daß die fünf Akte in wenig
über zwei Stunden vorübersausen. Diese Inszenierung verdient rückhaltlose
Anerkennung. [...]
Das Publikum wußte sich schnell in die Eigenart des Stücks zu finden,
lachte viel und herzlich und applaudierte lebhaft nach jedem Akt." (Carl Müller-Rastatt: Thalia-Theater.
Hamburgischer Correspondent, 26.5.1914) Zur Inszenierung am Thalia-Theater, Hamburg,
25.5.1914. Regie: Leopold Jeßner.
Die Büchse der Pandora. Tragödie in drei Aufzügen
(zurück )
(1902 / 1910)
„Der Kritiker wird den rein ästhetischen
Standpunkt in diesem Fall um so weniger einnehmen dürfen, als es
sich nicht eigentlich um eine öffentliche, sondern um eine – der
Censur nicht unterworfene – Subskriptionsvorstellung, also mehr um ein
Experiment vor einem litterarisch interessierten Publikum handelte. Die
zahlreichen, allerdings mehr genialischen als von echter Genialität
eingegebenen Züge, die das Stück aufweist, der große Realismus
mancher Szenen, der von einer tiefen Kenntnis der Nachtseiten des Lebens
und zugleich von gereifterem dramatischen Geschick zeugt und, teilweise
von packender Kraft, auch abgestumpfte Theaterbesucher hin und wieder zu
vollkommener Illusion führt, dazu die auf das sorgfältigste
durchgearbeitete, vollendete Wiedergabe, ließen das Experiment ohne
Zweifel als gerechtfertigt und dankenswert erscheinen.“ (Theodor Hampe: Nürnberg. „Lulu“. Dramatische
Dichtung in 2 Teilen. II. Teil: „Die Büchse der Pandora“. Tragödie
in drei Akten. Das litterarische Echo 6, 1903/04, Sp. 804f.) Zur Uraufführung am Intimen Theater, Nürnberg,
1.2.1904. Regie: Robert Soltau.
"[...] Szenen wie
die zwischen Alwa und Lulu im ersten, zwischen Casti Piani und
Lulu im zweiten und vor allem jene im letzten Akt, in der die Geschwitz
mit Lulus Porträt in das Londoner Elend hineinplatzt, hat ein anderer
deutscher Dramatiker mit kunstvollster Stimmungstechnik nicht zustande
gebracht. Hier, besonders im dritten Akt, hat die Hand eines neuen
Shakespeare den tiefsten Griff in das Menscheninnerste getan. Grotesk
wie das Leben selbst ist diese Abwechslung clownhafter und tragischer
Wirkungen bis zur Möglichkeit, beim Stiefelanziehen von stärkster
Erschütterung durchwühlt zu sein.“ (Karl Kraus: Die Büchse der Pandora. Als
Einleitung zu der Aufführung am 29.Mai 1905 gesprochen. Die Fackel 7,
1905, Nr.182, S. 2ff.) Zur Inszenierung am Trianon-Theater, Wien,
29.5.1905. Regie: Albert Heine.
Wedekind "bedient sich [...] nicht der umständlichen
Milieuschilderung. Er bietet vielmehr Silhouetten, scharfumrissene
Silhouetten, die wie ein böser Traum unser Innerstes aufwühlen und uns
Themen ethisch durchzuarbeiten zwingen, über die wir sonst
nachtwandlerisch hinwegzuhuschen pflegen. Es steckt eine unheimliche
Stimmungskraft in der scheinbar kunstlosen Art, wie Wedekind Erlebnisse
aneinanderreiht und die weiblichen Geschlechtsinstinkte bloßlegt und an
den Rand des letzten Abgrundes führt, und wenn [...] Jack der
Aufschlitzer erscheint, dann schwindet jegliches Empfinden von einem
zynischen Witz, und man wähnt die Schauer eines jüngsten Gerichtes zu
erleben. Man kann den 'Erdgeist' sittlich und literarisch nicht richtig
einschätzen, wenn man die 'Büchse der Pandora' nicht gesehen
hat." (Theodor Antropp: Eine § 2-Vorstellung. Wiener
Deutsches Tagblatt, 31.5.1905) Zur Inszenierung am Trianontheater, Wien,
29.5.1905.
"Die gestrige Aufführung war in jeder
Beziehung ausgezeichnet. Regie, Darstellung, Ausstattung: alles war von
möglichster Vollendung und es läßt sich kaum denken, daß die Tragödie
jemals in ihrer Gesamtheit besser inszeniert und gespielt werden
könnte. [...] Und so ist denn heute endlich auch ein größerer Kreis
von Zuschauern so weit, wie es vor Jahren schon ein kleines Häuflein
war: daß er nämlich das künstlerisch Bedeutsame und Wertvolle auch
dieses zweiten Luludramas klar zu erkennen und das Tragische in ihm in
seiner ganzen Wucht zu empfinden vermag." (Richard Braungart: Die Büchse der Pandora. [...]
Aufführung des Neuen Vereins im Künstlertheater. Münchener Zeitung,
9.11.1910) Zur Inszenierung am Künstlertheater, München,
8.11.1910. Regie: Albert Steinrück.
"Ich denke das Ganze ... witternd und zerfeint.
Eine Phantasma-Kunst. Mehr flimmrig als wirklich. Gaukeln und Halbtierwahnsinn; geiles Licht und
verhangene Schädelstätten; Tupfen, Meckerrhythmen, kalte Zuckakte;
Menschenrufe, Menschenrufe; ... (und die Posaunen des Untergangs). Hinterher, wenn alles geschlachtet ist, etwas wie
ein Scheideklang an die Schönheit ... Das Nachhallen an Eine, die nun
ein duftender Fetzen ist ... Der unaussprechliche Gruß: Sie sei, wie
sie wolle, sie war doch so schön ..." (Alfred Kerr: Die Büchse der Pandora. Die Neue
Rundschau 22, 1911, Bd. 2, S. 1031). Zum Gastspiel des Münchener Neuen Vereins durch
das Moderne Theater (im Hebbeltheater), Berlin, 20.5.1911. Regie: Albert
Steinrück.
"Der pragmatische Inhalt, der einen Absturz
darstellt, gibt der 'Büchse der Pandora' ihren balladesken Charakter.
Die drei Akte sind wie drei Strophen, die keiner knapper, schauerlicher
und skuriller dichten könnte wie Wedekind, wenn es ihm nicht gefallen hätte,
eben drei Akte daraus zu machen. Sind diese Akte deshalb leer? Schon der
Wechsel der Länder, der Schichten und der Typen bewahrt sie vor
Monotonie. [...] Diese Scheindialoge bezeugen viel stechender und
brennender die Einsamkeit, die Ausgeliefertheit, die Armseligkeit aller
Kreatur als der Monolog, in dem die Geschwitz vor ihrem Tode davon
redet. Freilich darf man weder in dieser Unterhaltungen noch in der
Verkettung der Ereignisse eine reale Glaubhaftigkeit suchen, auf die der
Dichter pfeift. [...] London. Dachkammer. [...] Hier wagt Wedekind alles;
auch künstlerisch. Er setzt auf Handgreiflichkeiten, die für sich
selbst am besten sprächen, philosophische Maximen und resignierte Tröstungen.
Er jagt das Gekreisch der Burleske und das Gejammer um ein verlorenes
Leben hintereinander her. Er bemitleidet seine Geschöpfe und läßt sie
selbst sich in einem Atem bemitleiden, bespeien und verlachen. Zur
ekelhaften Fratze vergrinst, peitscht der eine Urtrieb den andern auf,
ihm zu dienen. Die Schleusen öffnen sich und hervor bricht qualmend,
gurgelnd, tosend und stinkend eine Flut, die verwüsten und befruchten
wird. Es ist wie das jüngste Gericht, ein Sinnbild zugleich des
barbarisch, aber auch idyllisch fessellosen Anfangs und der
Entfesselung, aber auch der Versöhnung des letzten Endes. Lulu war
Mensch, wurde durch Menschen zum Tier, wird, da sie Jack auf den ersten
Blick liebt, noch einmal zum Menschen und wird von ihm wie ein Tier
zerfleischt. Aber bis zur Todesstunde ist ihr die Geschwitz nah, von der
sie im reinsten und am unreinsten geliebt worden ist. 'Bleibe dir nah' -
das ist vor der Höllenfahrt dieser Geschwitz ihr letzter Seufzer, der
auch in Goethes Faust-Himmel gesungen werden könnte. Ist Lulu
gerichtet? Sie ist gerettet." (Siegfried Jacobsohn: Die Büchse der Pandora. Die
Schaubühne 7, 1911, Bd. 1, S. 565ff.) Zum Gastspiel des Münchener Neuen Vereins durch
das Moderne Theater Berlin (im Hebbeltheater), Berlin, 20.5.1911. Regie:
Albert Steinrück.
"Müssen wir es dulden, daß man ein unvergängliches
Werk von der Bühne fern hält und Tausende um ein höchstes künstlerisches
Gut prellt? Tatbestände? Sie bedeuten nichts, und Hunderte kitzelnde, lüsterne
Abende werden immerzu von der Zensur toleriert. Hier aber ist ein Werk,
das auf eine fast noch niemals erschaute Art tugendhaft ist. Ein
moralisches, sinnenfeindliches Exerzitium, wie aus der Seele eines
mittelalterlichen Kirchenvaters geboren. Freilich, dieser Kirchenvater
ist auch ein moderner Künstler, hat eine vielfältige, zerrissene
Seele, und er schreitet mit uns viele Höllen durch. Dennoch, hier ist
kein Prickeln und kein Blinzeln, sondern nur ein unentrinnbarer Ernst.
Die Polizei könnte sich noch so anstrengen, denoch würde es keinem der
verdientesten Polizeiräte je gelingen, in zwei Stunden derart von der Sünde
abzuschrecken und zur Tugend anzuleiten, wie dies Wedekind vermag. [...] Lulu ... Sie hat viele Namen, ein jeder ihrer
Liebhaber nennt sie anders, sieht sie auch anders, einem jeden ist sie
die Verkörperung seiner Sehnsucht, und sie alle tragen ihre
verborgensten Gelüste in ihr Wesen. Sie aber hat nur ein einziges
Gesicht; so schrecklich und tödlich, daß keiner von ihnen es sich nur
vorzustellen vermag. [...] Lange Gespräche die auf eine seltsam erschütternde
Art Monologe sind, und beklemmend legt es sich aufs Herz, wie wir
Menschen doch stets einsam sind, in einem entsetzlichen Alleinsein, und
daß wir nur deshalb Freundschaft und Liebe erfunden haben, um jene
eiskalte Isolierung nicht zu ahnen. Und noch Eines wird uns aus den
abgerissenen Reden der Liebesbande um Lulu klar: Daß jene über ihre
Einzelexistenz hinausragen, ein jeder in sich die Gefühlswelt einer
ganzen Menschengattung faßt, grotesk kondensiert, Extrakte von
Leidenschaft, Rohheit oder Kraftlosigkeit. Sie alle sind aber nichts
ohne Lulu, denken keinen Gedanken, der nicht sie wäre [...]. Die Tollheit der Gier stirbt an der Tollheit der
Gier, die Verbrecherin der Liebe am Wahnsinn der Liebe. Das grauenhafte
Ende schmeckt dennoch nicht nach Sensation, es ist darin der tiefe Sinn
der Natur, die sich eines giftigen Tieres bedient, um ein anderes
giftiges Tier auszutilgen. Wie eine schillernde Schlange im Tropenwald
schien Lulu, alles strotzende Leben um sie war ihr als Beute
gegeben." (Ludwig Bauer: Die Büchse der Pandora. Die Zeit
(Wien), 18.2.1913) Zur Inszenierung an der Neuen Bühne, Wien,
17.2.1913. Leitung: Emil Geyer.
Hidalla oder Sein und Haben (zurück )
(1904)
Karl Hetmann, der Zwergriese (Hidalla)
(1911)
"[...] Wedekind selbst brachte den Hetmann
meisterhaft heraus, da er nur sich selbst zu spielen hatte. Der
ungeheure Ernst, mit dem er sich selbst vortrug, die innere Hingabe an
das Pathos seiner Empfindungen und ihre Worte, die oft genug recht
trivial sind, die naive Ergriffenheit über sein Schicksal und der naive
Glaube an seine Größe, das wirkte ergreifend und suggestiv, sodaß
alles andere in den Hintergrund trat, vergessen wurde. Man fühlte sich
nicht mehr in ein Theater geladen, man lauschte einfach dieser
Lebensbeichte wie dem Vortrag eines lyrisch-pathetischen Epos. [...]
Spielte ein Berufsschauspieler diese Rolle, so ist zu fürchten, daß
das Symbolische über der absurden Formulierung verloren geht, daß das
Pathos aus Hetmanns Worten nicht mehr so echt klingt, daß alle
Gebrechen stark hervortreten, das Ganze auseinanderfällt, und daß das
Publikum – lacht. Der Pathetiker Wedekind würde aber dabeistehn, wie
es Cotrelly von seinem Hetmann erwartet: er weiß nicht, weshalb das
Publikum über ihn lacht. Hier liegt, wie mir scheint, die Lösung des
Problems der Wedekindschen Kunst und ihrer Wirkungen. Neben diesem Hetmann hatten die Berufsschauspieler
einen schweren Stand, zumal ihnen eigentlich nur die Aufgabe zufällt,
Menschen zu markieren. [...] Am schwersten hatte es Frau Gerhäuser als Fanny Kettler. Diese Schauspielerin besitzt glücklicher
Weise so viel Vitalität, daß sie immer wie ein Mensch wirkt. Allzu
schwülstige und unmenschliche Sätze ihrer Rolle verschluckte sie mit
gutem Glück halb, sodaß wohl ihr Sinn, aber nicht ihre gefährlichen
Worte an unser Ohr gelangten. Herr Lackner
gab den gelehrigen und gelehrten Schüler Hetmanns, den Baron Brühl,
so diskret und vornehm, daß diese auch dem Dichter sympathische Natur,
für die er selbst fast nichts tat, wirklich sympathisch und glaubhaft
wurde. Überhaupt waren die Darsteller mit Lust und Geschick bei der
Sache. Nur Herr Jessen als Großmeister
des Vereins zur Erziehung von Rassemenschen vergriff sich meines
Erachtens. Zwar entsprach sein Äußeres den Vorschriften des Buches,
aber als Personifikation des Hetmannschen Menschenideals unterstrich er
durch Extravaganzen in Haltung, Bewegung und Sprechweise das Lächerliche
dieser Erscheinung mehr als es der Stimmung des Schauspiels entsprechen
dürfte. Die Inszenierung durch Direktor Stollberg
war sehr sorgsam und richtete ihr Augenmerk vor allem darauf, möglichst
viele von den Klippen, an denen Hidalla auch hier scheitern konnte, zu
beseitigen, eine der wichtigsten und dankenswertesten Aufgaben jeder
Regie, die ihrem Dramatiker wohl will. Daß trotzdem noch unglaublich
viel an alle Türen geklopft wird und die Personen von allen Seiten wie
gut dressierte Rekruten antreten, wo es not tut, ist nicht Schuld der
Regie." (Kurt
Aram: Hidalla. Die Freistatt 7, 1905, S. 125f.) Zur Uraufführung am Schauspielhaus, München,
19.2.1905. Regie: Georg Stollberg.
"Himmelhoher Erfolg, in den nur durch ein
einziges irdisches Hausschlüsselloch ein profanes Pfifflein des Mißbehagens
hineingellte. Das Stück ein ungewönlich ernster, ungewöhnlich
ordentlicher, wohldisziplinierter Wedekind. [...] ich muß auf die Gefahr hin, verlacht zu
werden, der Wahrheit die Ehre geben und bekennen, daß ich den ganzen
Abend einen gefesselten Titanen wider die giftige Gewandung des
Herakles, die Fesseln des Prometheus, die unerreichbaren Früchte des
Tantalus toben gesehn. Wie ein einziger markdurchschneidender Schrei der
Qual und der Verzweiflung ringt es sich aus der barocken Dichtung los
und zwingt den Zuschauer zur Teilnahme nicht sowohl für den Helden, als
für den Verfasser des Stücks. Wie sonderbar [...], daß Wedekind sich
so sehr für diesen Hetmann ereifert! Das ist doch nicht der gewohnte
Schein-Ernst, den er sonst immer da zur Schau trug, wo er besonders
grimmig spotten wollte? Das sind doch wirklich positive, echte, als bare
Münze und nicht als Spielgeld ausgeprägte Gedanken, Anklagen,
Schmerzen, Begehrungen, Leidenschaften? Und dann wagt man allmählich
die Frage ins Auge zu fassen, ob Wedekind wohl in diesem Hetmann sich
selbst auf die Bretter zu stellen versucht habe, vergleicht und prüft,
erinnert sich des Schaffens, der Schicksale des Autors, findet es
beinahe glaubhaft, daß sich die Welt in seinem Inneren ganz ähnlich
wie in der Seele des unglücklichen Hetmann abspiegele, kann zuletzt von
der Überzeugung nicht mehr weg: Ja, dieser Hetmann ist Wedekind selber,
in diesem Hetmann will Wedekind der Welt sagen: seht, so schaut es in
der Seele eures lustigen Überbrettlsängers aus; so wenig bin ich der,
für den ihr mich stets gehalten; so jämmerlich leide ich unter der
schiefen Stellung, in die mich eure mangelhafte Menschenbeurteilung
gebracht! [...] Eine ästhetische Erörterung des Stückes würde,
was sie auch an Vorzügen und Mängeln feststellte, an der allein
ausschlagenden Tatsache nichts ändern, daß die Aufführung einen
tiefen, teilweise peinigenden, teilweise belustigenden, im ganzen künstlerisch
abgerundeten und vor allem intensiv eigenartigen Eindruck hinterläßt.
In der Entwicklung des Verfassers bedeutet das Stück den Übergang aus
absoluter Formlosigkeit zu wenigstens prinzipieller Anerkennung der
Form. Während Wedekind früher in einem ganz willkürlich fazettierten
Spiegel eine Unmenge schillernder Reflexe aber kein Bild zeigte, fängt
er das Weltbild jetzt auf einem bloß von Fazetten umrahmten, in der
Mitte aber völlig plan geschliffenen Spiegel auf. [...] Die Aufführung war authentisch: Wedekind spielte
selber mit. Und zwar spielte er meines Erachtens glänzend: – ohne komödiantenhafte
Routine in der Interpretation der R
o l l e Hetmanns, aber als
zuverlässigster Interpret des Menschen Hetmann." (E.E.: Wie ich den neuen Wedekind sehe. Münchener
Zeitung, 20.2.1905) Zur Uraufführung am Schauspielhaus, München,
19.2.1905. Regie: Georg Stollberg.
"Wedekind spielte sich selbst in karikierten
Proportionen, er setzte sich einen Buckel auf, er schleppte einen
Hinkefuß, er grub die Falten tiefer in seine Jockeyphysiognomie, er
schminkte sich die roten Lippen eines Zirkusclowns, die immer etwas
Lechzendes, melancholisch Blödes geben, kurz er gab sein Inneres unter
dem Bilde eines Caliban heraus, und dieser Zwergriese, wie er einmal
genannt wird, redet, wimmert, heult durch ein miserables Stück
hindurch, er sucht die Schönheit, einen neuen Adel den Menschen zu
erobern, [...] der Dichter, der sich selbst spielte war für sie [die
Zuschauer] eine Sensation, die den Abend äußerlich gegen einen skandalösen
Durchfall schützte, das innere Pathos eines Menschen, der sein Leid in
Cynismus verschlingen wollte und es nun ohne Furcht vor Mitleid
herausspeit zugleich mit Ekel, Hohn, Verzweiflung, dieses Pathos ging
ihnen verloren, sie hätten sonst den Mann, der sich so preisgab, nicht
beklatscht. [...] Die Leute sprechen nie miteinander, sondern nach
einander, und wenn der eine anfängt zu reden, hört der andere nicht
nur mit Reden, sondern auch mit Fühlen und Denken, überhaupt mit dem
Leben auf. So hat der Puppenspieler nur eine Stimme und ob er sich auch
vervielfältigt, indem er sie zu Baß oder Discant umbiegt, das Leben
gibt er seinen Puppen nicht. Die Vorstellung, mit der sich die junge Bühne
nach Maßgabe ihrer Kräfte ein Unmögliches zugemutet hatte, brachte
diese Mängel noch deutlicher heraus. " (Arthur Eloesser: Kleines Theater. Vossische
Zeitung (Berlin), 27.9.1905) Zur Inszenierung am Kleinen Theater, Berlin,
26.9.1905. Regie:
Victor Barnowsky.
"Das Publikum des Kleinen Theaters lernte
gestern, freilich erst allmählich, daß ein ernstes Drama auch dann
ernst aufgefaßt sein will, wenn der Autorname Frank Wedekind auf
dem Zettel steht. Die Erzwingung dieser Erkenntnis bedeutet, daß das
Schauspiel ‘Hidalla’ einen seiner Hauptzwecke erfüllt hat.
Denn unser eigenwilligster, interessantester, an Erfindungskraft
reichster Bühnendichter hat nicht aus Zufall die Hauptrolle seines
Werkes selbst gespielt. Er identifiziert sich ein wenig mit dem
Phantasten Hetmann, der von den Zeitgenossen zum Hanswurst gestempelt
wird, weil er eigene Pfade wandelt. Das Martyrium eines Moralreformators
spiegelt sein Drama wieder. [...] Die überaus schwierige Aufgabe, ein solches
Schauspiel auf der Bühne zu beleben, könnte selbst von besseren Kräften
als vom Ensemble des Kleinen Theaters kaum völlig gelöst werden. Aber
der anerkennenswerte Eifer der Regie und der Darsteller zeigte, daß
unsere jüngste Bühne schlagfertiger moderne als klassische Probleme zu
bewältigen weiß.“ (Monty
Jacobs: [o.T.]. Berliner Tageblatt, 27.9.1905) Zur Inszenierung am Kleinen Theater, Berlin,
26.9.1905. Regie:
Victor Barnowsky.
"Das 'Kleine Theater' hat gestern das
klassische Festkleid abgelegt und sich in der Gestalt gezeigt, die es
unter der neuen Leitung anzunehmen gewillt ist. [...] Man will hier die
vornehmere literarische Pikanterie, die dramatische Absonderlichkeit
pflegen, die sich mit Geist und Keckheit gibt. In diese Gattung gehört
das fünfaktige Schauspiel 'Hidalla', das sein Verfasser, Frank
Wedekind, gestern schauspielerisch selbst einführte. Und mit gutem
Erfolge einführte. Das größere Publikum hat von dem Schauspiel glücklicherweise
zu wenig verstanden, um den Beifall der Anhängerschaft zu bestreiten.
[...] Aber der Verfasser müßte nicht Frank Wedekind
sein, wenn der Reformator nicht etwas grotesk, wenn seine Moral nicht
verwegen und phantastisch sein sollte. Auch die bizarre Selbstverhöhnung
und die grausame Verspottung seiner Umgebung trägt ganz den Stempel
seiner genialisch-ungezähmten Bohème-Weise. [...] Die etwas wilde Tendenz wird ziemlich ernst und in
moralphilosophischem Gewande vorgetragen, so daß sie nicht zur
Auflehnung reizt. Sogar die Szene, in der zwei Vereinsgenossen, ein
junger Mann und eine Dame, sich eben finden und sofort mit Erfolg die
Probe darauf machen, ob sie die geforderte Gunst auch gewähren, sogar
diese Szene wurde ohne lautes Widerstreben hingenommen. Es hat sich
dabei wieder einmal gezeigt: nur eine Handlung, die wir als
Zuschauer miterleben, reißt ein Theaterpublikum zur
leidenschaftlicheren Teilnahme hin – einem bloßen Vortrag gegenüber
ist man selten so unhöflich zu zischen. Und 'Hidalla' ist ein Vortrag
in fünf Akten. Von den Anfangsszenen abgesehen, die der Erwartung gehören,
und von den Schlußszenen abgesehen, die endlich dramatische Spannung
bringen, haben wir es nur mit endlosen, breiten theoretischen Erörterungen
zu tun. [...] Wedekind führte seinen Hetmann, in den er so viel
vom eigenen Wesen steckte, auch selbst vor, und mit mehr als gewöhnlichem
Geschick. Man fühlte hinter jedem Gedanken den Geist, dem er
entsprungen, hinter jeder Empfindung das Gemüt, in dem sie wirklich
lebte. Aber auch Maske und Sprache verriet ernste Studien. [...] Dir.
Barnowskys Regie hatte ein recht lebhaftes Zusammenspiel erzielt. Die Zuhörerschaft, in der die literarische und künstlerische
Welt stark vertreten war, bekundete zum guten Teil Wedekind ihre
Sympathie [...]. Der größere Teil des Publikums sah völlig
unbeteiligt zu, verhielt sich still und beim Hinausgehen fragte man sich
gegenseitig: 'Haben Sie das verstanden??'" (Isidor Landau: Vor den Kulissen. Berliner Börsen-Courier,
27.9.1905) Zur Inszenierung am Kleinen Theater, Berlin,
26.9.1905. Regie:
Victor Barnowsky.
"Ein Werk des Schreckens und Entsetzens! Erschüttert,
in Mark und Bein sah ich auf dieses Theater-Schauspiel, das kein Theater
mehr war, wo jede Bühne aufhörte, und nur die Wirklichkeit aller
Wirklichkeiten stierte. [...] Eine Religion betete, eine Prostitution zotete auf
der Bühne. Wo soll das Publikum sein, das Karl Hetmann-Wedekind mitfühlt
und begreift, welches ein Ohr besitzt für den tragischen Schrei der
menschlichen Seele, der am Dienstag abend durch das Kleine Theater
gellte, wo sind die für alles offenen Seelen, die auch den Adamiten
mitzuerleben vermögen und den 'Possenreißer' erkennen, daß er
wirklich und wahrhaftig ein Prophet und ein Heiliger ist, und daß seine
Prostitution tatsächlich eine Religionshandlung bedeutet. Es war
herzzerschneidend am Dienstag zu sehen, wie ein völlig welt- und
menschenfremder Geist, einer der im tiefsten Innern alle Brücken mit
der Wirklichkeit abgebrochen hat, zu Menschen redete, die nicht anders
als wie Blöcke und Steine auf ihn reagieren können, die um seines 'Immoralismus'
willen wider ihn eifern oder um seines Immoralismus willen ihm
schmunzelnd zuhören. Diese Seelen- und Sinnenlosigkeit, dieser
vollkommene Gefühls- und Verständnismangel, der dem Dichter
entgegengebracht wird, das ist gerade der Gegenstand, Sinn und
Verzweiflung seiner Tragödien, das ist die Saite, auf der er immer
wieder spielt. [...] Dargestellt wurde auf der Bühne am Dienstag ganz
ohne Sinn und Verstand. Und nur einer stand auf der Szene, der wie eine
Offenbarung wirkte, der mit unheimlich-heller Fackel hinableuchtete in
die finstersten und mysteriösen Gänge dieses labyrinthischen
Schauspiels: Frank Wedekind selber! Daß der Dichter den Karl Hetmann
selber spielt, das ist eigentlich etwas ganz Unumgängliches, und daß
er ihn ganz und gar nicht spielt, das ist die Lösung und Erklärung.
Nur wenn Wedekind selber mitspielt, kann man sein Schauspiel dargestellt
sehen. Ganz gewiß ist es der fürchterlichste Dilettantismus, in dem
der Schauspieler Wedekind steckt, und seine Schauspielkunst ist wie ein
Schmetterling,dem man die Flügel ausgerissen hat, und der verstümmelt,
nur wie ein Larvenleib umherkriecht. Von einer Schauspielkunst als Kunst
kann man gar nicht reden. Aber alle Macht des höchsten Spieles verblaßt
vor diesem dilettantischen Gestammel, aus dem die Natur zu uns wild
eindringlich und suggestiv redet, vor diesen klagenden und weichen und
harten fanatischen Klängen und Farben der Wedekindschen Stimme, vor
diesen bohrenden und flackernden Flammen der Augen. Das ist keine Kunst
als Spiel, aber das fühlt und erlebt, was es sagt. [...] Wenn so die scheinbaren Menschen dieses Dramas wie
Ideen und Visionen vor uns auftauchten, als Emanationen des Dichters,
der selber auf der Bühne steht, sich uns geben würden, und sein
eindrucksvolles Rezitieren die Handlung, wie ein antiker Chor, begleitet
und erklärt: dann käme wohl mehr als eine Theateraufführung zustande,
und das Theater wäre wieder eine religöse Kultstätte, wobei
dahingestellt sein mag, ob wir einer neuen Kulturreligion oder einer
Negerreligion beiwohnen. Aber so dargestellt, würde das Drama zum
Ausdruck bringen, was es wirklich ist: das Geheimnis einer Seele und ein
Bekenntnis. Wie auf der asiatischen Bühne sitzt der Theaterdirektor
inmitten seiner Marionetten und stellt sie uns vor und erklärt sie uns. Frank Wedekind ist kein Schauspieler, und wie er
kein Schauspieler ist, ebensowenig ist er ein Dichter. [...] Als ich am Dienstag abend im Theater saß, da
verschwanden für mich die Wände und die Zuschauer, und allerdings war
es mir, als läge ich auf der wilden König-Lear-Heide in der grausamen
Nacht, da vier Narren nebeneinander hocken und wunderlich miteinander über
Gott und Welt philosophieren." (Julius Hart: Frank Wedekind. Der Tag (Berlin),
29.9.1905) Zur Inszenierung am Kleinen Theater, Berlin,
26.9.1905. Regie:
Victor Barnowsky.
"Das ist der Kern des Wedekindschen
Schauspiels, das in voriger Woche zum ersten Mal über die Bühne des
Kleinen Theaters ging, mit dem Verfasser selbst in der Hauptrolle des
Propheten Karl Hetmann, – der Kern, aus dem unsere Dutzenddramatiker
eine Tragödie mit allen Chikanen gemacht haben würden. Bei Wedekind
wird sie fast zur Burleske. Er höhnt grinsend über seine eigene Tragik
– er schämt sich, zu ihr sich zu bekennen, und hüllt sie in eine
bunte schellenklingelnde Narrenjacke. [...] Darum weiß das Publikum nicht, was es tun soll –
auch nicht die 'geistige Elite' von ganz Berlin." (Lily
Braun: Wedekinds "Hidalla". Die Neue Gesellschaft 1,
1905, S. 325) Zur Inszenierung am Kleinen Theater, Berlin,
26.9.1905. Regie:
Victor Barnowsky.
"Warum wirkt dieses Werk im Buch ohnmächtig
und auf der Bühne so mächtig, wie es seinem Schöpfer vorgeschwebt
haben mag? Selbst auf der Bühne des neuen Kleinen Theaters, das den
Willen für die Tat geben muß und wol immer wird geben müssen, wofern
es nicht seine großen Schauspieler vorläufig noch im Verborgenen hält?
Weil Wedekind sich selbst spielt. Auch hier scheint er sich über die
Wirkung vorher klar gewesen zu sein; auch hierüber läßt er zu sich
sagen: 'Es ist ein großer Unterschied, ob Sie Ihre Lehren in Ihrer
begeisterten Sprache zum Vortrag bringen, oder ob man sie schwarz auf
weiß vor sich sieht. Was ist bedrucktes Papier gegen die Machtmittel
der öffentlichen Rede!' Wedekind erreicht es, daß nicht bloß das
kleinere, sondern auch das größere Publikum seine absonderlichsten
Ansichten anhört. Er bannt – durch seine großen, von Leidenschaft
sprühenden Augen, durch die lyrische Weichheit der Stimme, durch die
melancholische Sensibilität seiner Bewegungen – mit der Macht und dem
Nachdruck einer unwiderstehlichen Hypnose. Er weiß sich nach außen hin
geheimnisvoll schreckend zu machen und das unterirdische Rauschen seines
entfesselten Schmerzes vernehmen zu lassen. Er ist Grabstätte einer trüben
Vergangenheit und reines Gefäß einer bessern Zukunft – ein Mensch,
auf seiner Bahn unaufhaltsam vorwärtsgejagt durch Anlagen und Impulse,
von denen wir nichts wissen, als daß sie allmächtig sind und tief begründet
sein müssen." (Siegfried
Jacobsohn: Hidalla. Die Schaubühne 1, 1905, S. 119) Zur Inszenierung am Kleinen Theater, Berlin,
26.9.1905. Regie:
Victor Barnowsky.
"Er sagts nicht immer gut [...]; die Sprache
war schon in 'Hidalla' die partie honteuse. [...] Aber er hat
etwas zu sagen; [...] Einen Zwergriesen nennt Wedekind seinen Hetmann;
Sitzriesen nennt der Berliner Leute, die sitzend größer scheinen, als
sie sind. [...] Unbrauchbar, ausgestoßen. Als König und als Schneider,
als Sänger und als Religionstifter unzulänglich; nur als Narr und
Cirkusclown zu verwenden. Klagt da wirklich nur der verkannte Literat,
der in das ihm gebührende Fach möchte, der Tragöde, der Possen reißen
soll? [...] Hetmann (und sein Schöpfer ) ist viel zu
klug, um glauben zu können, Promiskuität könne schöne und kräftige
Menschen schaffen. Hetmann ist das ungenützte, mit dem Fluch der
Unfruchtbarkeit beladene soziale Genie, das zusehen muß, wie Andere,
Hohlköpfe und Lumpen, munter Kinder zeugen, das mit dem Zwergriesenschädel
gegen die Mauer des Familienhauses rennt, geprügelt, ausgelacht wird,
in der Arena den August spielen soll und sich endlich selbst henkt. Und
Hetmann ist nicht nur ein schreckendes, sondern auch ein tröstendes
Bild. So stark, spricht (wenn ich richtig höre) der Dichter, ist
leidenschaftlicher Glaube, so mächtig der Rhythmus einer Persönlichkeit,
daß dieser schönheitssüchtige Krüppel, der doch baren Unsinn
bekennt, als ein echter Prinz aus Genieland vor uns steht. Auch im Frack
des Dummen August vor uns stünde." (Maximilian
Harden: Theater. Die Zukunft 1906, Bd. 54, S. 80ff.) Zur Inszenierung am Kleinen Theater, Berlin,
26.9.1905. Regie:
Victor Barnowsky.
"Und allmählich gewinnt Frank Wedekind auch
von der Bühne herab die Herrschaft über die Masse. In 'Hidalla' ist
eine Szene, die das Aufglühen sinnlicher Begierde bei einem jungen Mädchen
schildert, mit einer freien Einfachheit, die so kühn noch nicht gewagt
worden ist. Aber es hat niemand dazu gelacht. Es ging nur ein leises Räuspern
durch den Saal, und die Gefahr, daß diese Szene ins Unzüchtige
umgedeutet werden könnte, flog vorbei. Allmählich begreifen die Leute,
daß alles, was an Wedekind unzüchtig, zynisch, gemein und niedrig
genannt wird, nicht in seinen Werken liegt, sondern in der Art, in der
diese Werke beleuchtet und gesehen werden. Allmählich begreifen sie
auch, daß dieser Mann, wenn er schon einmal dilettantisch oder unfähig
wird, wenigstens in seiner eigenen Kunst, an seinen eigenen Mitteln
stockt, merken, daß er sein eigenes Werkzeug gebraucht und niemals
fremdes borgt, um sich's etwa leichter zu machen. [...] Was er auf de Bühne gibt, ist keine
schauspielerische Leistung, aber es ist etwas unendlich Feineres und Höheres
als reproduzierende Mimenkunst je zu bieten vermöchte. Es ist eine
geistige und seelische Hingabe an das Werk von solcher Stärke, daß sie
alle schauspielerischen Kunstmittel ersetzt. Unvergleichlich ist es, wie
Wedekind die entscheidenden Reden Hetmanns sagt, wie er die Gedanken und
Weisheiten ausspricht, die den Sinn seines Stückes enthalten. Das ist,
als ob all diese Worte eben erst in seinem Kopf entstünden, als ob all
diese Sätze eben erst gedacht, eben in diesem Augenblick erst geboren würden,
als seien sie nirgendwo aufgeschrieben, als seien sie nicht 'Text',
sondern das Gespräch einer erhöhten Stunde. Und es tritt die ganz
einzige, gar nicht wieder zu erlebende Wirkung ein, daß man einen
Dichter auf der Bühne schaffen sieht, und das Geschaffene darstellen
und das Dargestellte neu schaffen, und daß man dabei einen tiefen Blick
in seine Seele tun kann. Noch niemals hat Wedekind bei uns so viel Verständnis
gefunden und so lauten Erfolg gehabt wie gestern. Sein Werk und seine
Persönlichkeit, beide wurden bejubelt. Und so wird man sich vielleicht
nicht mehr mit allerhand Stumpfsinn für einen Dichter herumstreiten müssen,
der in seiner Kompliziertheit ja gewiß nicht leicht verständlich, der
aber gerade in seinem vielfältigen, an Bezügen und Hintergründen so
reichen Wesen zu den interessantesten Erscheinungen der Gegenwart gehört.
Dieser Dichter, der manchmal an die tragischen Pierrots von Willette
erinnert, dessen Art zu schauen dem Auge von Toulouse-Lautrec verwandt
ist, in dessen Sprache Akzente sind, die an Ulrich von Hutten gemahnen,
wird einst einer künftigen Generation reichere Aufschlüsse über diese
Epoche geben als etwa Sudermann, Frenssen oder andere, denen die Menge
schneller Gefolgschaft leistete." (Felix Salten: Frank Wedekind und "Hidalla".
Die Zeit (Wien), 28.4.1907) Zum Gastspiel des Kleinen Theaters Berlin am Bürgertheater,
Wien, 24.4.1907. Regie:
Victor Barnowsky.
"Daß ein Theater, das literarisch ernsthaft
genommen werden will, an Frank Wedekinds Werken nicht vorübergehen
darf, ist selbstverständlich. Dr. Hagemann füllte also nur eine
fühlbare Lücke im Spielplan des Deutschen Schauspielhauses aus, indem
er das fünfaktige Schauspiel Hidalla zur Aufführung brachte.
Die Wahl dieses Stückes war darum besonders glücklich, weil in ihm
Wedekind nicht nur seine Sexualitäts-Philosophie gleichsam im Auszug
vorträgt, sondern daneben auch Rechnung ablegt über seine Stellung zur
Welt und die Stellung der Welt zu ihm. Beides kam in der von Dr.
Hagemann selbst inszenierten Aufführung klar zum Ausdruck. Die
Vorstellung war vorzüglich, insbesondere verdient die wundervolle
Leistung, die Hermann Walch in der Rolle des Hetmann bot, rückhaltlose
Anerkennung. Daß ein Teil des Publikums sich mit Wedekinds Anschauungen
nicht befreunden würde, war vorauszusehen. Mit um so größerem Vergnügen
wird hier registriert, daß dieser Teil sich nicht durchsetzen konnte
und daß aus dem Kampf zwischen Gegnern und Freunden Wedekinds die
letzteren schnell und mühelos als Sieger hervorgingen. Stürmischer
Beifall [...]" (Carl Müller-Rastatt: Deutsches Schauspielhaus.
Hamburgischer Correspondent, 8.5.1912) Zur Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus,
Hamburg, 7.5.1912. Regie: Carl Hagemann.
"Wenn man zurückdenkt an diesem Abend...: Es war ein Mensch, der auf und ab ging, schwieg und
schrie, sich von Menschen wegwandte, rébelle à l'abandon; in sich
kroch, wie tief in sich eine Schildkröte. Es war etwas Erschütterndes,
was, alle Poetengeschlechter lang, einmal zu sehn ist; so daß man kaum
inmitten des Ulks, den er zwischendurch klingeln läßt,... daß man
sich hinzublicken kaum getraute nach dieser Erscheinung, die er –
nicht gab, sondern war.[...] Zwischen den Schauspielern allen... zwischen allen
stand und sah und sann und floh eine Erdkreatur.[...] Wenn man zurückdenkt an diese Vorstellung: Eines Tags werden sich Menschen erinnern: daß der
Dichter dort oben stand; wie Molière auf seiner Szene; Menschen werden
sich melden, die Äußerungen tun wie: 'Wir haben ihn damals spielen
sehn, es war im Juni 1912..., seine Witwe Tilly war noch dabei, sie
wirkte nicht bestürzend als Schauspielerin, doch mit Manchem, was an
feinerer und triebhafter Menschenhingebung, mit einem starken Gefühl
dazu nötig war...' Besinnt euch. Heut ist heut. [...]. 1912. 6.
Juni." (Alfred Kerr: Nochmals: Hidalla. Der Schauspieler
Wedekind. In: Ders., Die Welt im Drama. Bd. II: Das neue Drama. Berlin
1917, S. 139) Zum Wedekind-Gastspiel am Deutschen Theater,
Berlin, 4.6.1912. Leitung: Frank Wedekind.
"Als zweites Stück brachte das Wedekind
Gastspiel das Schauspiel 'Hidallah' [...]. Dieses Stück ist
reich an philosophisch-ästhetischen Auseinandersetzungen der
kniffligsten Art und stellt an das Publikum Anforderungen, denen immer
nur ganz wenige genügen können; Anforderungen besonders an die Fähigkeit,
hinter dem bitteren Spott den ebenso bitteren tiefen Ernst zu erkennen,
der den scheinbar so verrückten Ideen Hetmanns zugrunde liegt. [...]
Und man begreift recht gut, weshalb Wedekind seinen Gedanken das täuschende,
zirkusbunte Gewand der Groteske umgehängt hat. In dieser Verkleidung läßt
man sie wenigstens am Leben [...]. Ohne dieses Schutzgewand aber wären
diese Ideen, die einmal in später Zukunft
vielleicht Eigentum einer fortgeschrittenen Kulturmenschheit sein
werden, nicht zehn Schritte weit gekommen, ohne totgeschlagen zu
werden... Im Brennpunkt der Aufführung stand wieder Herrn Wedekinds
Hetmann, der durch ihn aus begreiflichen Gründen [...] eine Bedeutung
und eine innere Tragik und Größe gewinnt, die von keinem anderen
Darsteller erreicht werden kann. (Doch soll damit keineswegs gesagt
sein, daß nun deshalb kein anderer sich an die Rolle wagen dürfte!).
Die sehr schwierige Rolle der Fanny Kettler gibt Frau Wedekind
Gelegenheit, sich das Äußerste abzuringen, was sie zu bieten
hat." (Richard Braungart: Kammerspiele. Münchener
Zeitung, 21.2.1916) Zum Wedekind-Gastspiel an den Münchner
Kammerspielen, 19.2.1916. Regie: Frank Wedekind.
"Also es war eine Sensation. Jedenfalls war es
so ganz anders als sonst [...]. Leopold Jeßner
war wieder einmal Pfadfinder und hat – unbeschadet aller
kritischen Einwände – sein küunstlerisches Programm, wonach jedes
Werk seinen eigenen Regiegedanken haben müsse, glänzend durchgeführt. [...] Nur von einer größeren Pause unterbrochen,
rollen sich die fünf Akte des ‚Karl Hetmann’ mit reißender
Geschwindigkeit ab. Technisch ist das um so leichter zu bewerkstelligen,
als auf jede umständliche Ausstattung verzichtet ist. Kaum eine Spur
unseres modernen Theaters mit seinen plastischen Dekorationen! Vorne die
altüberlieferte rote Draperie, hinten eine mit Tapete oder 'Landschaft'
bemalte Leinwand, dazwischen links und rechts eine Kulisse und auf der Bühne
das unentbehrlichste Mobiliar. [...] Und wie die Szene jedes gewohnten
Realismus bar ist, so ist es oft auch die Schauspielerei. Die Darsteller
haben etwas Marionettenhaftes. Namentlich wenn sie sitzen, bleiben sie
fast ohne Aktion, die Hände im Schoß – gleich den Puppen, die erst
Leben zeigen, wenn sie 'herankommen', wenn ihr Stichwort fällt und der
Puppenspieler ihnen Bewegung und Stimme verleiht. Haben sie aber das
Wort, dann stürzt es sich wie ein Gießbach von ihren Lippen, dann sind
sie sprudelnde Leidenschaft und gleichen erregten Debatterednern, die
ihre Überzeugung dem Hörer einpauken, einhämmern wollen. Und es
geschieht das Merkwürdige, daß das wahnsinnige Tempo und Temperament
der Bühne sich unmittelbar dem Zuschauerraum mitteilt. [...] Es geht
auf die Nerven – das Herz schägt manchem bis zum Halse. Keineswegs
sind es die Vorgänge an sich, die so aufregend wirken. Durch die
Antike, durch Shakespeare, auch durch die Modernen sind wir ja an ganz
anderes gewöhnt. Was so aufpeitschend wirkt, ist das Hetztempo der Rede
und die Leidenschaftlichkeit, die den Abend beherrschen. Was geht da vor? Eine Vergewaltigung des Autors? Im
Gegenteil. Sein Ideal wird erfüllt. [...] Frank Wedekind hat
bekanntlich 'die Prügel', die ihm die Presse für seine Schauspielerei
erteilt hat, ungeschwächt und ungemindert an den deutschen
Schauspielerstand weitergegeben, weil sich dieser bisher unfähig
gezeigt habe, moderne Dramen richtig wiederzugeben. Der moderne
Schauspieler war (immer nach Wedekinds irrtümmlichen Voraussetzungen)
nur auf den spießbürgerlichen engherzigen Naturalismus geeicht. Was
ihm fehlte, war die Ausdauer, der lange Atem, war Energie und
Seelenblut. Nach Wedekind müsse aber eine rechte Rolle etwa so gespielt
werden, wie man ein Hindernisrennen reitet. Voilà – ein Hindernisrennen! Eines
solchen sind wir gestern Zeuge gewesen, und es wurde vom ganzen Feld so
schneidig geritten, daß einem beim bloßen Zusehen der Atem ausgehen
konnte. Mir scheint, der deutsche Schauspielerstand hat gestern die bewußten
Prügel wieder an Wedekind zurückgegeben und ihm die Antwort erteilt,
daß er, wenn er nur wolle, sehr wohl Wedekinds Forderungen erfüllen könne
[...]. Ich verlasse mich absichtlich nicht auf mich selbst, sondern auf
einen guten Beobachter schauspielerischer Leistung. 'Scharf stoßend
und fast gleichmäßig laut, vor allem bemüht, den Inhalt der Rede
deutlich zu Gehör zu bringen' – so charakterisiert Siegfried
Jacobsohn einmal Wedekinds Sprechweise, und haben gestern nicht alle
Darsteller so gesprochen? Sie alle, bis herunter zum Laufburschen Fritz,
bemühten sich mit Erfolg um den langen Atem, der ihrem Dichter als
Vorbedingung der künstlerischen Leistung vorschwebt, und brachten für
anderthalb Stunden mehr Leidenschaft auf, als sie sonst für einen Monat
zu brauchen gewohnt sind. Tatsächlich wurde damit auch der Zweck erreicht,
daß wir alle bald mehr oder minder deutlich fühlten: aha, dieses höhere
Kasperletheater soll gar nicht ein Wirklichkeits-, sondern ein reines
Ideenspiel sein; nicht eine x-beliebige Begebenheit mit Kunze und
Schulze, mit Launhart und Gellinghausen geht hier vor, sondern ein Märchen,
das sich nie und nirgends hat begeben: die Tragödie der Don Quichoterie,
der Verblutung eines verbohrten Idealisten [...]. Eines ist klar: für
Wedekinds Lieblingsrolle, für den geistig wie körperlich nur
halbnormalen Karl Hetmann paßt das überhetzte wie überhitzte Spiel
nicht übel. Er lebt, handelt und spricht ja immer wie im Krampf –
spricht nicht, sondern lehrt, leitartikelt, moralisiert, predigt,
streitet. Er steht auf einer unsichtbaren Kanzel, von der er auf die sündige
Menschheit herunterdonnert. Bedenklicher ist es, daß auch alle übrigen
Mitspieler auf den gleichen Ton eingestellt sind. Vielleicht holt man
sich die Rechtfertigung dafür aus der allerjüngsten Tagesästhetik.
Man könnte nämlich wie Hasenclevers jüngst in Dresden uraufgeführten
'Sohn', auch Wedekinds 'Karl Hetmann' als
expressionistisches Drama auffassen. Danach wäre die
ganze Handlung sozusagen nur des Helden inneres Erlebnis, nur eine
Hirnspiegelung der Außenwelt im Kopfe dieses weisen Toren[...]. Sie würde
erklären [...], warum die Gestalten, die ohne Begrüßung gehen und
kommen, etwas Spukhaftes an sich haben [...] und sie würde vor allem
rechtfertigen, daß alle Mitspieler eine ähnlich fratzenhafte Art und
Rede haben wir Karl Hetmanns – weil sie uns ja nur durch ihn
vermittelt werden, weil sie Abbilder seines Geistes sind [...]. [...] Nur wollen wir nicht mit der Engherzigkeit,
die den Naturalisten nachgesagt wird, gleich wieder jede andere Richtung
damit erdrosseln und diesen Darstellungsstil als den einzig wahren
ausposaunen. Auch Wedekind kann noch anders gespielt werden,
andere Dichter müssen es sogar. Das weiß niemand besser als
Leopold Jeßner [...]. Glücklich traf es sich, daß der Darsteller des
Karl Hetmann den ihm zugewiesenen Mittelpunkt behaupten konnte. Herr Fritz
Jessner hat nie einen glücklicheren Abend gehabt. Schon die Maske
war mit Sorgfalt und Feingefühl durchgearbeitet, und das Vulkanisch-Stoßende
in Jessners Sprechart paßte hierher ausgezeichnet. Mannhaft widerstehen wir der Versuchung [...] noch
ein Wort über das Stück zu sagen. Nur so viel sei bemerkt, daß sein
Inhalt und Sinn durch ein paar Zensurstriche noch mehr verdunkelt, ja
geradezu verstümmelt wurde. Was soll man dazu sagen, daß wiederholt
von den drei barbarischen Lebensformen gesprochen wird, diese aber nicht
ausgesprochen werden! Muß denn das dicke Buch der Zensurkuriosa immer
noch Nachträge erhalten? Und wird man auch nach dem Kriege erwachsene
Menschen wie Babys gängeln und geistig bevormunden?" (Ludwig Goldstein: Königsberger Hartungsche
Zeitung, 16.10.1916) Zur Inszenierung am Neuen Schauspielhaus, Königsberg,
14.10.1916. Regie: Leopold Jeßner.
Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie
(zurück
)
(1891)
"Ein Hauch schwebt über diesem Werk eines Leichtsinnigen,
Torkelnden, Schludernden; ein Hauch, der die Grundmauern des Daseins
anweht; Faustulus und Gretelchen; es sind kleine Faustusse der Pubertät,
die hier erobern und schuldig werden und dennoch schuldlos untergehen.
[...]
Skurile und lyrische Vettern und Basen sind alle der dunklen,
dahingegangenen Hedwig Ekdal; Hedwig sollte nur ein Tier schlachten,
eine Wildente, um einen Vater zu retten [...]. Bei Wedekind, der in
mattbunten Farben das Dasein zeichnet, wird kein ethisches Opfer
gebracht, nur das ungewollte des eigenen Lebens um des grünen, schwärenden,
geheimnisvollen Sinnendranges willen." (Alfred Kerr: "Frühlings Erwachen". Der Tag (Berlin),
23.11.1906)
Zur Uraufführung an den Kammerspielen, Berlin, 20.11.1906. Regie: Max
Reinhardt.
"[...] das ist die Besonderheit dieser grausamen Tragödie: daß
Kinder, ohne Verschulden ihrer Seele, ohne pathetische Leidenschaften,
ohne Herzenskonflikte, einzig durch ihr Da-Sein, ihr Werden, ihre körperliche
Entwicklung um Glück und Leben kommen. Ehe sie das tiefe Geheimnis
gelichtet haben, auf welche Weise sie in diesen Strudel hineingeraten
sind, hat sie der Strudel schon verschlungen.
Das ist die Idee von 'Frühlings Erwachen'. Sie müßte am leichtesten
gerade dann zu entdecken sein, wenn sie den künstlerischen Körper
nicht gewonnen hätte, den man um sie vermißt. Dieses Drama soll
gewollt, aber nicht gekonnt, geredet und nicht gestaltet sein. Da ist es
immerhin merkwürdig, warum Wedekind nicht auch jene seine besondere
Idee so deutlich ausgesprochen hat, daß sie mehr als zwei seiner
Kritiker nachsprechen können. [...] Es ist der Ton unsrer
Sturm-und-Drang-Dramatiker und ihrer britischen Vorbilder, Christopher
Marlowes und des jungen Shakespeare. Es ist ihr Ton, und es ist ihre
Technik. Ein Chaos von schnellen Szenen, die scheinbar
auseinanderflattern und doch mit zielsicherer Schlagkraft vorwärts drängen.
Bis zum Schluß des zweiten Akts keine, die nicht dem Ganzen diente,
nicht der Katastrophe zutriebe. Wer die Vielheit und Knappheit dieser
Szenen rügt, hätte vermutlich auch den jungen Goethe hart angelassen:
'Trüber Tag. Feld' wäre ihm als Unding, die folgende Szene von sechs
Zeilen als Verbrechen erschienen. Der innere Zusammenhang entscheidet,
und der ist hier lückenlos gewahrt. Nicht genug: es gibt gar keine
Technik, die der Darstellung jener Zeit des Vibrierens und Träumens,
des Aufschreckens und Erzitterns, des Knospens und Aufspringens besser
taugte als diese. Ein allgemeingültiges tragisches Weltbild hat seinen
spezifischen dramatischen Ausdruck gefunden.
(Siegfried Jacobsohn: Frühlings Erwachen. Die Schaubühne 2, 1906, Bd. 2,
S. 527ff.)
Zur Uraufführung an den Kammerspielen, Berlin, 20.11.1906. Regie: Max
Reinhardt.
[...] zu leicht geschieht es dem Zuschauer, nur die amusante Unordnung
dabei wahrzunehmen und nicht den Umstand, daß hier ein Blick geworfen
wird auf die Dinge, wie sie in der Tiefe sind, vor aller Ordnung. Eben
dies 'vor aller Ordnung' ist aber der Zauber am Thema vom Frühlingserwachen:
daß wir, selbst in Bildern des alltäglichsten Lebens, noch am Rande
solcher Tiefe stehen, wo so Vieles noch ungeschieden liegt, mit allen
seinen Möglichkeiten, seinen Ansätzen zu Thier und Engel und Unhold
und Geist, das ganze Menschheitbild im Keim und deshalb in jedem
Einzelnen Unschuld und Schicksal."
(Lou Andreas-Salomé: Frühlings Erwachen. Die Zukunft 15, 1907, Bd. 58,
S. 97ff.)
Zur Uraufführung an den Kammerspielen, Berlin, 20.11.1906. Regie: Max
Reinhardt.
"Die Aufführung hatte den Charakter der Kindertragödie sicher erfaßt,
sie nahm ihr die schwere Brutalität der Wirklichkeit durch primitiv
gemalte Frühlingsstimmungen, die ganz in der Fläche der Prospekte
blieben. Die Dekoration wollte farbig, nicht körperlich sein."
(Arthur Eloesser: Kammerspiele des Deutschen Theaters. Vossische Zeitung
(Berlin), Nr. 550 v. 24.11.1906)
Zur Uraufführung an den Kammerspielen, Berlin, 20.11.1906. Regie: Max
Reinhardt.
"Glücklicherweise ist nicht die satirische Posse des Alters das
Zentrum der Dichtung, sondern die lyrische Tragödie der Jugend. Ihr
blieb man wenig schuldig. Für ihre dramatische Schwungkraft sorgte das
Tempo, das in jeder Szene eingehalten wurde und in der Folge der Szenen,
dank der Drehbühne, eingehalten werden konnte. Ihre Poesie ging einmal
von den Walserschen Bildern aus, [...] vor allem aber von dem Talent und
der Jugend einer Anzahl verschiedenartiger Schauspieler, von denen die
einen das Talent, andre die Jugend und die dritten beides hatten. [...]
Zwischen Eltern und Kinder tritt das lockende Leben, das erste Mal tänzelnd
in einer virtuosen Mädchengestalt der Eysoldt, das zweite Mal vermummt
in der unheimlichen Männergestalt Frank Wedekinds, der ganz den Ton,
aber ganz und garnicht den Wortlaut seiner Rolle hatte. Melchi Gabor
ergibt sich dem Leben, Moritz Stiefel hält ihm stand und wählt den
Tod. Dieser Unterschied durfte nicht verwischt werden und wurde
verwischt. Herrn von Jacobis Melchi war zwar jung, aber es hinderte ihn
nichts in seinem Naturell, das Los seines Freundes Moritz zu erleiden,
das Grab mit seiner Freundin Wendla zu teilen. Diese beiden, Moritz und
Wendla, waren und sind die schauspielerische Schönheit der Vorstellung.
[...] Man genießt denn auch dankbarst die unendliche Feinheit, mit der
Fräulein Camilla Eibenschütz jedem Wort und jeder Situation, sei sie
heiter, sei sie ernst, zu ihrem Recht hilft; den verschwenderischen
Reichtum von Charakterzügen und Stimmmodulationen, die Alexander Moissi
für seinen Moritz zu Gebote stehen. Was aber über alle Kunst, liegt in
dem menschlichen Wesen der beiden beschlossen und wird erschütternd fühlbar
in ihrem Blick, in ihrem Gang, in diesen scheuen, herben, keuschen,
sehnsüchtigen Bewegungen schicksalgezeichneter Menschenkinder. Wendla
nachtwandelnd im Garten und krank im Bett, Moritz kurz vor dem Tode und
in seinem Grab - in dieser Darstellung bedürfte es eigentlich nur
dieser vier Szenen, um die Tragik von 'Frühlings Erwachen' von Grund
aus zu erschöpfen."
(Siegfried Jacobsohn: Von Brahm und Reinhardt. Die Schaubühne 2, 1906,
Bd. 2, S. 564f.)
Zur Uraufführung an den Kammerspielen, Berlin, 20.11.1906. Regie: Max
Reinhardt.
[...] Max Reinhardt führte selbst die Regie und stimmte die von
Karl Walser entworfenen Bühnenbilder, im Geiste der Dichtung
vollendet, zu einer Kleinstadtwelt zusammen, in der die sonnigen Wiesen
draußen vor der Mauer, der Fluß mit den Weiden und Königskerzen, der
abendliche Wald wehmüthig contrastierten gegen die engen, spießbürgerlichen
Stuben, die niedrigen Decken und kahlen Möbel. Hinreißend frisch kam
zu Beginn das Gespiel und Getummel der Kinder heraus, ihr noch glückseliges
Lachen, Streiten, Tuscheln und Schwärmen. Ein kunstreiches Zerrbild,
wie von der Hand eines Th. Th. Heine stilisiert, war die Lehrerconferenz,
die an ihrem grünen Tische, gleich einem Haufen Ungeziefer übereinander
hockend, vom fauchenden Rector überragt, vor der grau getünchten Wand
sich abhob. Lumpig und unmanierlich stellten sie jenen Typus des
deutschen Oberlehrers dar, den nachmals Otto Ernst, Max Dreyer und
Holz-Jerschke und im Roman namentlich die Gebrüder Mann noch häufig,
aber nie mit knapperem Witz verwerthet haben. Die Darsteller der
Kinderrollen mußten naturgemäß auf einen überzeugenden Eindruck der
körperlichen Erscheinung verzichten. Die Mädchen erschienen
stellenweise doch schon ein wenig zu üppig, die Knaben in ihren kurzen
Höschen zu breit und muskulös, vor Allem zu männlich in der Stimme.
Störend trat dieser Mangel nirgends hervor, da die Wiedergabe der
kindlichen Allüren durchweg vortrefflich gelang. Bernhard von Jacobi
als Melchior und Alexander Moissi als Moritz gaben einander
nichts nach in dem Ausdruck knabenhafter Schwermuth, den Jacobi durch
eine kühne, gesammelte Energie, Moissi durch eine rührende
Rathlosigkeit zu vertiefen wußte. Camilla Eibenschütz sah als
Wendla entzückend aus, kokettirte in echter Kindlichkeit und sprach
ihre flehenden Fragen nach dem Räthsel der Geburt nicht weniger zu
Herzen als im Krankenbette die verzweifelten nach den Gründen ihrer
'Bleichsucht'. In kleineren Rollen glänzten, wie nicht anders zu
erwarten, Gertrud Eysoldt, die eine lebensfrohe Dirne mit frühreif
zappelnder Lüsternheit und göttlicher Frechheit ausstattete, sowie Hedwig
Wangel in einem Wort für Wort durchdachten Spiel als gütige, nur
halb verständnißvolle Mutter. Wedekind selbst sprach den
vermummten Herrn der letzten Scene. Er sprach ihn, fast bewegungslos,
scharf und kühl accentuirend, als strenger Chorus."
(Kurt Martens: Wedekind bei Reinhardt. Die Gegenwart 35, 1906, Bd. 70, S.
340f.)
Zur Uraufführung an den Kammerspielen, Berlin, 20.11.1906. Regie: Max
Reinhardt.
"Nach der Berliner Aufführung des Werkes ging ein Ton der
Ergriffenheit durch die deutsche Kritik. Es war wie eine Abbitte an den
Dichter. Die Verstocktesten gingen in sich, dickfellige
Zeitungsschreiber waren erschüttert, hartnäckiger Unverstand beugte
sich vor der Größe dieses Werkes. [...] Jeder empfand die Reinheit,
die hier mit wehen und anklagenden Lauten aus den unschuldig obscönen
Reden gewaltsam verdorbener Knaben spricht, den holden Hauch von
Schwermut, der hier um tragisch versinkende Kinderhäupter webt, die süße
Bitternis des Frühlings, dem junge Menschen zum Opfer fallen, jeder
empfand sein eigenstes frühes Weh, wenn er sah, wie hier verzweifelte
Kinder zu unsauberen Werkzeugen greifen, um an verschlossenen Pforten zu
rütteln, an die sie der Drang des Blutes getrieben hat, jeder zitterte
mit bei dem großen, heiligen Haß, der hier in dem wilden Herzen eines
Schöpfers lebendig war, als er die Jugenderzieher und Lehrer zu
grotesken Untieren knetete, und bei dem Kirchhofsspuk und den Worten des
'vermummten Herrn', aus denen ein bitterer Trost zu quellen scheint.
Auch die Münchener Aufführung ergriff die Vorurteilsvollen."
(Hans Brandenburg: Hanns von Gumppenberg muß entfernt werden. München-Schwabing
1907, S. 6f.)
Zur Inszenierung am Schauspielhaus, München, 28.1.1907. Regie: Fritz
Basil.
Musik (zurück )
Sittengemälde in vier Bildern
(1907)
"Der Beifall wuchs von Akt zu Akt: nach dem 3. Akt wurde der Dichter,
der selber eine der Nebenrollen spielte, stürmisch gerufen, doch erst
nach dem Schlußakt leistete er den Hervorrufen Folge und wurde nun mit
Beifall überschüttet. [...] Auch die meisterhafte Darstellung trug mit
zu dem durchschlagenden Erfolge des Stückes das ihrige bei, Frl.
Schaffer spielte die weibliche Hauptrolle wahrhaft ergreifend."
(t: Theater und Musik. Fränkischer Kurier (Nürnberg), 13.1.1908)
Zur Uraufführung am Intimen Theater, Nürnberg, 11.1.1908. Regie: Emil Meßthaler.
"Im ganzen recht glücklich war die von Direktor Stollberg geleitete Wiedergabe, jedenfalls blieb sie dem Stück
nichts Wesentliches schuldig. Die nach Götzschen
Entwürfen hergestellten, äußerst einfachen Dekorationen ermöglichten
einen verhältnismäßig raschen Szenenwechsel und wirkten zumeist auch
stimmungskräftig [...]. Das dichtgefüllte Haus hielt sich nach dem
ersten Bilde noch von jeder Kundgebung zurück, nach dem zweiten aber
setzte lebhafter Applaus ein, der sich bis zum Schlusse steigerte."
(Hanns von Gumppenberg: Musik. Münchner Neueste Nachrichten, 29.9.1908)
Zur Inszenierung am Münchner Schauspielhaus, 26.9.1908. Regie: Georg
Stollberg.
"Die Darstellung überraschte. Die 'Musik' wurde, auf dieser Bühne,
möglich, bis zum Ende erträglich; manchmal saß man da, besinnungslos
vor Spannung, erheitert im letzten Akt und erwärmt von Max Marx (Dr.
Schwarzkopf), und immer blieb man sehr interessiert für das Fräulein
Somary (Clara Hühnerwadel), das seine gefährliche Rolle mit Kraft und
körperlicher Inbrunst spielte. Halb gehetztes Wild, halb leidendes Bürgermädel,
mit dem Entsetzliches geschieht, das sie nicht versteht [...]. Dem Erich
Ziegel war der Literat Wedekind anvertraut. Eine peinliche Aufgabe.
Sollte er Wedekind kopieren? Sollte er nach freiem Ermessen einen
Menschen gestalten? Er hielt sich in der Mitte. Er gab dem Herrn den
pastoralen, zwischen Wehleidigkeit und Ingrimm schwankenden Ton, der
vielleicht einen der Seelenzustände Wedekinds charakterisiert, aber
nicht Wedekinds sehr ausgeprägter Akzent ist. Die Maske und das Zucken
um den Mund, sogar die Haltung behielt er bei – woraus ich schließe,
daß er den Autor spielen wollte."
(René Schickele: Theaternotizen. Morgen 2, 1908, S. 1502)
Zur Inszenierung am Kleinen Theater, Berlin, 31.10.1908. Regie:
Victor Barnowsky.
"Wedekind führte selbst die Regie; er ist verantwortlich für diese
Überheizung und Überreizung. Ganz große Künstler, für die alles
Mechanische selbstverständlich ist, können sich das vielleicht leisten
– mit den Darstellern, die gestern die Else Reißner und den Lindekuh
gaben, darf man es nicht erst versuchen. Auch Frau Tilly
Wedekind ist für die Klara Hühnerwadel bei allem Trieb zur großen
Gestaltung nur eine halbe Kraft, und Wedekind,
weil er sich diesmal nicht selbst zu spielen hat, gibt den Joseph Reißner
[...] mit allen Unzulänglichkeiten des Nichtprofessionals. Er müßte
den Lindekuh geben, den schlechten und doch so guten Kerl, einen Überwedekind,
in vielen Zügen ein Selbstporträt und darum die wertvollste Gestalt
des Stückes."
(Fritz Engel: Wedekinds "Musik". Berliner Tageblatt, 8.6.1912)
Zur Inszenierung im Rahmen des Wedekind-Gastspiels am Kleinen Theater,
Berlin, 7.6.1912. Regie: Frank Wedekind.
"Clara
Hühnerwadel (der burleske Name soll wohl alles Sentimentale, Poetische
von der Figur abstreifen; ihre Bestimmung andeuten, ein gewöhnliches,
gemeines, typisches Schicksal zu erleiden): Fräulein Gemma Boic.
Die Künstlerin erfüllte einwandfrei ihre monotone Aufgabe, laut und
schweigend zu jammern und mit diesem Jammer zu rühren. Sie weiß hinter
all dem Verzweifelten, das sie über ihr Leid sagt, noch ein Unsagbares
spüren zu lassen; einen innersten Kern des Schmerzes, von dessen höllischer
Glut alle Wort- und Tränenausbrüche nur schwache Botschaft bringen.
Doch glaube ich, daß die Clara auch einer Schauspielerin mittlerer Güte
leicht gelingen muß. Es ist mehr eine anstrengende als eine in künstlerischem
Sinne schwierige Rolle. Wie hat uns Frau Wedekinds Spiel (die doch gewiß
keine große Künstlerin) an der Leiche des Kindchens ergriffen! Hier
spielt eben das traurige Ereignis, nicht die Schauspielerin."
(Alfred Polgar: Deutsches Volkstheater, Wien. Wiener Allgemeine Zeitung,
15.10.1913)
Zur Inszenierung am Deutschen Volkstheater, Wien,
14.10.1913. Regie Hubert Reusch.
Oaha. Schauspiel in fünf Aufzügen (zurück
)
(1908)
Óaha,die Satire der Satire. Komödie in vier Aufzügen
(1911)
„Die Polizei hat
dieses Stück, dessen Kern also eigentlich eine Anklage gegen den 'Witz
als Metier' ist, bis jetzt für öffentliche Aufführungen nicht
freigegeben. Weshalb, das wird wohl nur sie allein wissen; denn niemand
sonst wird einen Grund hiefür angeben können. [...] Die gestrige Uraufführung
[...] ist von Direktor Dr. Robert mit
bekannter Sorgfalt inszeniert worden. Herr Wedekind
spielte seltsamerweise nicht sich selbst, d.h. den Bouterweck (dem
Herr Gronau ein gutes Profil
gab), sondern den Sterner, für den er sich wenig eignet und dem er auch
darstellerisch nicht ganz gewachsen ist. Für Sterners Frau dagegen war
Frau Wedekind eine glückliche
Interpretation. Die verschiedenen ‚historischen‘ Persönlichkeiten
des Stückes sind von den Herren [...] in sehr ähnlichen Masken gut
charakterisiert worden; am originellsten war wohl der Dr.Kilian = Thoma
des Herrn Feist. Eine unersättliche, tragikomische Liebespenderin
spielte Frl. L o r m
mit Temperament und Humor. Es gab nach allen Akten
sehr lebhaften Beifall. Und kein Mensch hat gezischt – hier, wo es
wirklich einmal nichts geschadet hätte! Die guten Stücke Wedekinds
aber haben sie ausgepfiffen! O über diese ‚Stimme des Volkes!‘“ (Richard Braungart:
Oaha. Komödie von Frank Wedekind. Uraufführung im Lustspielhaus am 20.
Dezember. Münchener Zeitung, 21.12.1911) Zur Uraufführung in München,
20.12.1911. Regie: Eugen Robert.
„Die Aufführung war
unter Direktor Roberts Regie
von frischem Impuls belebt. Besonders interessant gestaltete sich die
Darstellung durch die Mitwirkung des Autors, der in roter Perücke und
in zu dieser Behaarung passenden Gesten den Sterner formte. Das
Experiment vermochte schon deshalb zu fesseln, weil man von dem Autor
gewohnt ist, daß er meistens die Rollen spielt, die ihn selbst
darstellen. Diesmal aber trat ihm Herr Gronau als Bouterweck in der Maske Wedekinds gegenüber, und es war
lustig anzusehen, wie der falsche und der echte Wedekind miteinanander
disputierten. [...] Das Publikum unterhielt
sich vortrefflich und nahm die Gabe als das, was sie ist, als einen
literarischen Scherz mit ernsthaften Zwischen- und Hintergründen.“ (Richard Elchinger:
Oaha. Komödie in vier Aufzügen von Frank Wedekind. Geschlossene
Vorstellung des Neuen Vereins im Lustspielhaus. Münchner Neueste
Nachrichten, 22.12.1911)
„Anerkennungswürdig,
daß dieses Werk vom Deutschen Theater gespielt wurde: der Dichter äußert
in der Vorrede: ‚Auffallende Dekorationen, - Entfaltung eines
besonderen Stils, ... sowie aller sonstige Humbug einer klobigen,
marktschreierischen Regie sind bei der Aufführung dieses Stücks unzulässig.'
(... oaha!) Hauptpunkt in der
Darstellung: ein großer deutscher Zeichner darf nicht, er darf nicht
einem kleinen Histrionen ausgeliefert werden. Wie subaltern. Frau Bassermann-Schiff
sollte jemand an entscheidenden Punkten möglichst nicht verwenden. Herr George Henrich
dagegen war ausgezeichnet in einer grotesken Gestaltung – statt wie
sonst in süßer Männlichkeit. ... Wedekind und Tilly
fesselnd: als Tilly und als Wedekind. (Das ist hundertmal
mehr als Herr Schmidt und als Fräulein Schmidt.)“ (Alfred Kerr:
Wedekind-Spiele: „Oaha“. Der Tag (A, Berlin), 14.6.1912) Zur Inszenierung am
Deutschen Theater, Berlin, 12.6.1912. Regie: Frank Wedekind.
Franziska
(zurück
)
Ein modernes Mysterium in fünf Akten
(1911)
"Eine Titanenfaust war bei diesem 'modernen
Mysterium in fünf Akten' am Werk und griff mit selten erschauter Kühnheit
nach dem Schatten des Olympiers Goethe. Und es ist wirklich, als ob
tiefste leidenschaftlichste Sehnsucht eines in die Finsternis verbannten
Titanen aus diesen Versen, dieser bunten Schau de Begebnisse aufflammte
und die Fackel, einem Brande gleich, in den Himmel des Geruhigen
schleuderte. [...]
Wie Frank Wedekind selbst den Veit Kunz spielte,
war nicht mehr Spiel eines Mimen, war erschütternde Nacktheit einer
zerrissenen Seele. Niemals sah ich ihn so groß als beim Fall dieses
neuen Luzifer. Daß Tilli Wedekind nicht den Wuchs für die überragende
Franziska hat, weiß man. Es ist aber immerhin ein bewunderswertes
Talent, in jeder Szene aufs neue durch schönes Aussehen und feinfühligsten
Takt für die Klippen der schwierigen Rolle zu reizen. Direktor Robert führte
die Regie. Er gab einzelne Szenen (in einem geschmackvollen Rahmen von
Leo Pasetti) glänzend. Für andere fehlte ihm bei dem figurenreichen
Drama das geeignete Schauspielerpersonal. [...] Vieles wird man über dieses Drama noch zu sagen
haben und nicht wenig dagegen. Aber es bleibt eine imponierende Größe
der Konzeption, ein mutiges Beginnen, das auch im Vollenden nicht minder
gereifte Kraft als Mut verrät." (Joachim Friedenthal: Wedekinds
"Franziska". Berliner Tageblatt, 3.12.1912) Zur Uraufführung an den Kammerspielen, München,
30.11.1912. Regie: Eugen Robert.
"'Franziska' ist Wedekinds reichstes und
tiefstes, in der Konzeption kühnstes
und im ganzen Wurf genialstes Werk. [...] Herr Direktor Robert soll das große Verdienst
ungeschmälert bleiben, daß er es gewagt hat, dieses großartige Werk
aufzuführen, und so aufzuführen, daß - trotz manchen Schwächen der
Regie - ein sehr verwöhntes Publikum dreiundeinehalbe Stunde gespannt
und ergriffen teilnahm und widerspruchslosBeifall spendete. An dem großen
Erfolg, den zu konstatieren mit freudigem Stolz erfüllt, hatten die
Darsteller wesentlichen Anteil, in erster Linie Frank Wedekind selbst
als Veit Kunz. Ich habe ihn nie ausgezeichneter gesehen. Mit jedem Wort
und mit jeder Geste faszinierend. Ein großer Schauspieler? Ich weiß es
nicht. Aber eine überragende Persönlichkeit. Frau Tilly Wedekind hat
den wunderschönen Takt, als Schauspielerin nie mehr zu wollen, als sie
kann, und bei der tiefen Einfühlung in die Rolle der Franziska gelang
ihr die Bewältigung der großen Aufgabe besser, als schauspielerische
Routine es ihr je ermöglicht hätte." (Erich Mühsam: Franziska. Die Schaubühne 8, 1912,
S. 664 u. S. 667f.) Zur Uraufführung an den Kammerspielen, München,
30.11.1912. Regie: Eugen Robert.
"Die ein wenig gespenstische Originalität
dieses Bühnenwerkes, das - bald grotesk, bald heilig, bald
Marionettenspiel, bald Debatte - die Plastik des wahrhaftigen Theaters
nirgends anstrebt, sondern sich mit dessen schmächtigstem haut-
relief begnügt, hat das Publikum hier [...] durchaus nicht in
Verlegenheit gebracht. Der geistige und poetische Kredit Frank Wedekinds
ist mit Fug so groß, daß man bei ihm auch das als Wert empfindet, was
man als Wert nicht erkennt. 'Franziska' ist eine teils kalte, teils
warme, tiefsinnige und witzige, subtile und derbe Auseinandersetzung mit
vielerlei Problematischem, das die moderne Seele bewegt. Die
Spezialthemen Wedekindschen Lebens, Dichtens und Leidens stehen naturgemäß
im Vordergrund dieser manchmal ergreifenden Diskussionen (mit Bühnenstaffage):
Das Weib und die Möglichkeiten seiner Verdammnis und Erlösung durch
den Mann, gegen den Mann, ohne den Mann, mit dem Mann; Lüge und
Unreinheit einer durch Pfaffen, zeitungen, Polizisten, Sittengesetze und
Pöbel behüteten Kultur; das Glück der Kunst identisch mit der Kunst
des Glücks; das heilige Trio Freiheit, Wahrheit, Nacktheit!" (Alfred Polgar: Wiener Premieren. Die Schaubühne
9, 1913, S. 638) Gastspiel der Münchener Kammerspiel an der
Deutschen Volksbühne, Wien, 6.6.1913. Regie: Eugen Robert.
"Wie wilde Hornissen toben sich in diesem
Mystifikationsdrama noch einmal alle Ideen Wedekinds aus; seine
unvergleichlichen Bocksprünge aus allen Oberwelten des Geistes in die
Unterwelten der Triebe, die grelle Diskussion über verschwiegene
Angelegenheiten und die sonst keinem Zeitgenossen zur Verfügung
stehende Kraft der Assoziation, die aus unserm Kulturchaos aller
Elemente sich bemächtigt, die Fähigkeit, in Sekunden das Leben in
seiner krassesten und größten Geste zu geben und schon als Stimmungsmörder
hinter ihm zu stehen; das gesteigerte Spiel der Ironie, die den eigenen
Tiefsinn durchlöchert und in Frage stellt; die Skurrilität des Lebens,
rücksichtslos gesehen: Diese Elemente Frank Wedekinds stecken alle in
dem Mysterium [...]. Frau Tilly Wedekind hat mit vielen Reizen den
faustischen Kursus von Franziskas Dasein absolviert, nicht bloß die
Garderobe aufs fleißigste gewechselt, sondern auch die seelischen
Nuancen ihrer Rolle disponibel gemacht. An Frank Wedekinds Veit Kunz
ergriff vor allem der blutige Ernst, mit dem er den Katechismus seines Räsoneurs
dozierte, um dann schließlich den menschlichen Zusammenbruch des
Sternelenkers innerlich überzeugt zu gestalten." (Eduard Korrody: Pfauentheater: "Franziska“
von Frank Wedekind (27. Sept.). Neue Zürcher Zeitung, 28.9.1917)
Zur
Inszenierung am Pfauentheater, Zürich, 27.9.1917. Regie: Frank Wedekind
"Frau Tilla Durieux, eine außerordentliche
Franziska [...]: die geistige Kraft des Stückes, vertreten durch eine
geistige Schauspielkunst, die, über alle Mittel des Körpers souverän
verfügend, die ungeheure Energie der Wedekindschen Dialektik ausdrückt.
Frau Durieux' Becheidenheit gestattet ihr nicht, zu sagen, daß sie die
einzige ist, die hier sprechen kann, die das Wort wie einen Blitz führt,
die es nicht nur auf der Zunge, sondern im Auge so gut wie in den Beinen
hat. Der Text dieses Mysteriums ist in Wahrheit so wenig wie der einer
Oper verstanden worden. der Text war nur ein Ungefähr, aber alles
andere war sehr deutlich. Zunächst die Dekoration von Karlheinz Martin,
ein Gerüst von Plattform mit Treppen, eine Konstruktion, die im
wahrsten Sinne des Wortes das Stück trägt, die auf alle Passivität
gemalten Lebens verzichtet, um sehr tätig mitspielen zu können. [...]
Martin arbeitet mit Jazzband, mit Reklamebeleuchtung, und ein ganzer
Zirkus mit allen möglichen Exzentriks scheint dauernd aufgeboten, gewiß
in einer geistreichen Mechanik, die das Publikum unterhält und
mindestens von sich überzeugt. Dazu gibt Martin einige Aufzüge von Tänzerinnen,
die wenig anhaben, und in dem Schauspiel am Hofe eine Venus, die bis auf
eine geringe Andeutung von Feigenblatt nur mit ihrer eigenen Schönheit
bekleidet ist. Ich halte es für einen großen Fortschritt, daß das
Publikum sich auf sehr anständige Weise dem Eindruck der Nacktheit
unterwarf; wir sind auf dem Wege, uns neue Unbefangenheit zu erwerben.
[...] Ich habe eine ingeniöse Martinsche Inszenierung gesehen, eine
Auffassung des Regisseurs, aber nicht das Mysterium von Wedekind." (Arthur Eloesser. Die Glocke 11, 1925, Nr. 7, S.
217) Ensemble-Gastspiel des Raimund Theaters Wien am
Hebbel-Theater, Berlin, 3.4.1925. Regie: Karlheinz Martin.
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